Tourlaub vor der Harzer Wand

Lesezeit: 5 min

Johannes Oerding und Band wickeln den Harz um den kleinen Finger

Schmetterlinge im Bauch, Verliebtsein. In Thale kennt man das natürlich auch. Wobei mir scheint, dass man’s da dieser Tage auch „veroerdingt“ nennen könnte. Zum dritten Mal nach 2014 und 2016 spielt Johannes Oerding mit seiner vierköpfigen Band vor der „Harzer Wand“. Rund um das Bergtheater ist besagte Wand inzwischen beinahe ein geflügeltes Wort. Oerding selbst hat es gestreut. Kaum war das Konzert am 5. September angesetzt, wollte Thale mehr. Aus diesem Mehr werden drei Zusatzkonzerte. Ich nehme Konzert Nummer vier am 9. September mit. Heute muss Oerding zur Feier des Tages mindestens mit meinem ersten Depeche-Mode-Konzert mithalten, das auch am 9. September war. Ist allerdings schon 17 Jahre her. Live und im Internet spricht die Kombo von Heimat, Tourlaub, Thalenser Festspielen oder der Harzer Partywoche. Von Ermüdungserscheinungen ist Sonntag – übrigens der letzte Abend diese Saison – auf dem Berg nicht wirklich was zu spüren. Nach meiner unfreiwilligen Oerding-Konzertpremiere vor zwei Jahren habe ich das aber irgendwie schon erwartet.

Harzer Wand: Johannes Oerding und Band wickeln den Harz um den kleinen Finger

Witze aus der Konserve?

Dass Johannes Oerding offensichtlich umfangreiche Entertainer- und Kumpel-Qualitäten hat, haben wir 2016 auch schon geklärt. Viele Witze – ich hab ja meine Informanten – wiederholen sich während der kleinen Thale-Tour. Aber nur im Rohbau. Serviert werden sie jeden Abend mit anderen individuellen Nuancen. Ganz offensichtlich ist das auch völlig egal. Die Wand scheint an seinen Lippen zu hängen. Da ich zum Beispiel auch kein Fan von ständig veränderten Setlisten bin, isses mir schon lange egal. Wir sind ja hier, um unterhalten zu werden. Und das klappt während der ersten Minuten schon mal ganz gut. Diesmal ist übrigens kein Zwang im Spiel, ich bin ganz freiwillig wiedergekommen. Meine Musik isses zwar immer noch nicht so recht, aber da greift dann wieder: Wer live gut ist, kriegt dich trotzdem. Außerdem gibt’s Pluspunkte für das ständige Tragen des Huts.

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Schrecklich kitschig, schrecklich glaubwürdig

Höflichkeit wird hier groß zelebriert: Oerding bittet die Fans, sich mit ihren Nachbarn bekannt zu machen. In Zahlen ausgedrückt lernen sich so jeden Abend an die 1300 Leute kennen. Der Chef mischt auch mit bei der Begrüßungsarie. Mit Händeschütteln allein isses in seinem Fall natürlich nicht getan: Shakehands, ein Foto, Drücken, noch eine Umarmung, noch ein Foto, nochmal Drücken, wieder Händeschütteln. Die erste Reihe erlebt ihr Highlight des Abends, da ist es noch nicht mal richtig dunkel auf dem Berg. Und musikalisch? Stimmlich gibt’s mal wieder nix zu meckern – eine saubere Sache. Zwischen Funk, ’nem Hauch Rock, tollen Covern aus der Musikgeschichte und viel Deutschpop predigt Johannes Oerding Liebe, Frieden und Optimismus am laufenden Lied. Trotzdem will er nicht so recht in die Schablone des ewig weltverbessernden deutschen Liedermachers der neuesten Generation passen. Zu viele Ecken und Kanten vielleicht. Oder Alkohol- und Partywitze. Nee, das passt einfach nicht. Dafür ist hier viel zu viel Ironie im Spiel. Ständig provoziert der Sänger neue Lacher, gern auch mal auf seine Kosten. Schließlich kennt man sich jetzt. Es klingt kitschiger als jeder Inga-Lindström-Film. Ist aber auch schrecklich glaubwürdig. Apropos kennen, da fehlt noch jemand … es musizieren für Sie: Moritz Stahl an der Gitarre, Kai Lindner am Keyboard, Simon Gattringer am Schlagzeug und Robin Engelhardt am Bass. Das ist nicht ganz unwichtig, im Verlauf des Abends spielt die Band eine nicht unerhebliche Rolle.

Exklusivbehandlung

Per Kreischometer wird ausgelotet, wie viele Männer und Frauen auf den Rängen hocken. Oerding selbst pflegt amüsiert das Klischee, dass die meisten Männer wohl nur zum Mitkommen gezwungen werden. Zum Trost (oder aus Schadenfreude, wer weiß das schon so genau), setzt er genau die dann auch besonders in Szene: Für die geschundenen Herren gibt es Bier und Schnaps an den Platz und aufs Haus, damit sie sich den Abend wenigstens schön trinken können. Ich hab da sone Ahnung, dass sie das am Ende gar nicht mehr müssen. „Guck, so ist das beim Oerding, da kriegste was zu trinken und wirst noch beklatscht“. Zwischendurch könnte man meinen, in einem Comedy-Programm zu sein. Die Leute halten sich reihenweise den Bauch vor lauter Lachen. Auch so gewinnen die Musiker scheinbar jeden hier für sich. Der ganze Abend hangelt sich gefühlt an extended versions entlang – 10 Minuten pro Song sind beinahe die Regel. Das ist den vielen Zwischeneinlagen geschuldet. Eine gute Sache!

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Floerten mit Oerding

Eben „Nie wieder Alkohol“ (inklusive nett inszenierter Alk-Warnung an die Kids im Publikum), greift Oerding sich auf einmal ganz lässig die markante Stelle aus Whitney Houstons „I will always love you“. Im einen Moment ruhig („Plötzlich perfekt“), holt er die Leute im nächsten sofort wieder hoch. Dazwischen immer wieder Liebesbekundungen – an Ina Müller, das Hotel Harzer-Land, die Fleischerei Münch oder seine gute Security-Seele Happy mit den Dönerspieß-Waden. Insgesamt vor allem eine hübsche Ode an unsere Heimat, als wärs seine. Dabei haben wir viel mehr Berge als der Norden. Keyboarder Kai kriegt zwischen Tür und Angel unfreiwillig sogar noch seine eigene kleine Flirtbörse. Datenschutztechnisch geht es sicher in Ordnung, dass Oerding dessen Hotelzimmer 803 zwei, drei mal an die große Glocke hängt – ist ja schließlich für ’nen guten Zweck. 803 – endlich hat der Harz auch ein legendäres Hotelzimmer. Zum Glück ganz ohne tragischen Hintergrund. Floerten mit Oerding. Und Kai: Ich hätt‘ gern eine Voicemail mit dem Wort „Erotik“ in der angepriesenen Sprotten-Version.

Turbulenzen im Turnverein

„Turbulenzen“ beherrschen die Wand. Ich bin irritiert, weil Oerding kurz wie Hartmut Engler klingt. Ist zum Glück nur ein kurzer Gruselschauer. Oerding läutet seinen persönlichen Lieblingsmoment ein. Der Sänger schickt die ahnungslose (Echt jetzt? Wir wollen’s mal nicht übertreiben mit der Glaubwürdigkeit!) Band in die Ränge: Bassist Robin muss in die oberste Reihe, Drummer Simon in die 7, Tastenmann Kai in die 17. Gitarren-Moritz kommt mit Reihe 2 verhältnismäßig glimpflich davon. Rechts hoch, abklatschend durch die Reihe, links wieder runter. Die Techniker übernehmen mit „Don’t worry, be happy“ derweil den musikalischen Part. Ist ja hier schließlich immer noch ein Konzert. Auch wenn das Bühnenumfeld sonst nur bei Theaterstücken so ausschweifend genutzt wird. 2016 ist Oerding noch allein rumgeturnt, jetzt ist das Bewegung im Kollektiv. Teil des Oerding’schen Turnvereins: Security und Orgateam. Emsig rennen und springen sie hinterher oder vorweg und zeigen mit Taschenlampen den Weg zurück zur Bühne. Ist ja hier schließlich immer noch ein Berg.

Selfies und Solos

Heute ist „Kreise“, was „Alles brennt“ damals war. Der Song funktioniert so gut, dass er zusätzlich als Bossanova-, 80er- und Rock ’n‘ Roll-Version kredenzt wird. Von Oerding gibt’s die passenden Tanzschritte dazu. Während der zweieinhalb Stunden Programm nimmt der Frontmann sich immer mal wieder zurück, lässt seine Musiker mit tollen Solos ins Rampenlicht. Die Wand weiß, was sich gehört und spendet lautstark Applaus. Passend zu „Wo wir sind ist oben“ springt Oerding kurz vor Schluss auch selbst in die Mitte der Wand, klettert bis zum Gipfel und kommentiert den Selfie-gepflasterten Weg gewohnt amüsant. Als Chef muss man ja auch an seine Glaubwürdigkeit denken.

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Märchenkunde mit Musik

Wäre das eine Unterrichtsstunde, Johannes Oerding wäre der Klassenclown, der ständig alle zum Lachen bringt und trotzdem gute Noten nachhause bringt. Einer von den coolen Strebern (die gibt’s wirklich, ich hatte genug in meiner Klasse damals). Wer nicht an Märchen glaubt: Auf der Bühne stand ganz offensichtlich der Rattenfänger von Hameln. Nur nicht in Hameln, sondern im Harz. Und Ratten gab’s hier auch keine. Aber an vier Abenden über 5000 Menschen, die allesamt nach seiner Pfeife tanzen. Mir geht’s wie dem Rest der Leute: Ich bin ein bisschen veroerdingt. Ich sag euch was: Mögt ihr Livemusik? Dann seht schleunigst zu, dass ihr zu einem Oerding-Konzert kommt.

Fotos: Marko Heiroth – auf seiner Webseite gibt es den geballten Oerding und Fotos aller vier Konzerte der Thale-Tour.

7 Comments
  • lederpiel
    September 18, 2018

    By Jenka, thank you for this post. Its very inspiring.

  • I. W.
    September 16, 2018

    „Moritz Stark an der Gitarre?“ – dieser Meister seinen Faches verdient es richtig genannt zu werden… Moritz STAHL wäre korrekt!! 😉🎶 Und jahaaaa es waren klasse Abende da in Thale.. 😊

    • Jenka
      September 16, 2018

      Nicht wäre, sondern IST natürlich! Vor lauter starker Spielleistung gleich mal verschrieben. Danke, I. W. – der Starke ist jetzt wieder der Stählerne. :-)

      • I. W.
        September 16, 2018

        Beide Bezeichnungen auf jeden Fall trotzdem irgendwie treffend 😉😊 Klasse Bericht übrigens…hat Spaß gemacht diesen zu lesen und die Abende damit sozusagen nochmal zu erleben.. 😉👌🏻🎶

        • Jenka
          September 16, 2018

          Freut mich, danke! Gut konservierte Erinnerungen – das war der Plan.

  • Rike
    September 16, 2018

    Das war so ein lustiger Abend! Johannes weiß zu unterhalten, und die Kulisse ist einmalig! Wir kommen definitiv wieder!

    • Jenka
      September 16, 2018

      Hey Rike, das solltet ihr unbedingt! Kann mich an keine Runde aufm Berg erinnern, die sich nicht gelohnt hätte. :-)

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