Selfies sind die neuen Autogramme

Ich war ja nie so ein Heidi-Kind. Eher Mila. Oder die Schlümpfe. Da hat aber der schweizerisch-deutsche Regisseur Alain Gsponer (ich würde ihm an 2. Stelle seines Nachnamens zu gern noch nen Vokal spendieren) leider keine Rücksicht drauf genommen und trotzdem die Geschichte um little lost Adelheid alias Heidi neu verfilmt. Als Drehorte für sein Alpenepos hat er sich unter anderem meine Geburtsstadt Quedlinburg und Halberstadt rausgesucht. Und all das nur, weil Frankfurt am Main (Kapitel „Heidi wird zu Sesemanns in die große Stadt verschleppt“) heute nicht mehr daher kommt wie Frankfurt am Main im 19. Jahrhundert. Aber bei uns Harzern hinkt die Zeit ja zum Glück manchmal ein bissl hinterher – da geht mit etwas Retusche und Trickserei auch 2015 für 1880 durch. Im Zuckerfabrik Kinopark in Halberstadt gab es aus Anlass des Kinostarts jetzt eine Preview und ich durfte für die Mitteldeutsche Zeitung berichten. Für Kinobesucher übrigens ne tolle Sache – 3 EUR Eintritt zerschmettern auch bei einer vierköpfigen Familie nicht gleich das komplette Haushaltsgeld für einen Monat. Mal abgesehen von meinen schmalen Vorkenntnissen – ich werfe ca. 2 Folgen der Zeichentrickserie und die US-Verfilmung mit Jane Seymour in den Pott – ne echt aufregende Sache. War nämlich auch meine Premiere als MZ-Schreiberling außerhalb der mir bekannten, kleinen Hundesportwelt.

Red Carpet inner Kleinstadt

Entgegen meiner chaotischen Natur war ich ne Stunde vor dem offiziellen Beginn da. Die einsame Ziege vor der Tür (ja, ich meine das Tier) und ich waren bis dahin die einzigen Besucher. Eine außerordentlich gute Gelegenheit, den Kinomitarbeitern beim Werkeln auf die Finger zu schielen. Hab ich natürlich nicht gemacht, zumindest nicht nur. Stattdessen gab es ja noch ein paar Recherchehausaufgaben zu erledigen. Neben dem Regisseur und dem Produzenten wird Nebendarstellerin Jella Haase da sein. Jella wer? Meine Nichte L hätte mich eventuell gelyncht für diese Frage. Jella Haase aus den Fack ju Göhte-Filmen natürlich. Natürlich! Bei Kinofilmen (selbst denen, die mich interessieren, komm ich von Haus aus einfach immer ein paar Monate zu spät). Pünktlich mit dem Eintrudeln der „Stars“ hat sich das Foyer dann auch gut gefüllt. Red Carpet inner Kleinstadt! Gegenüber den Profijournalisten hatte ich trotz meiner streberhaft frühen Ankunft keine Vorteile. Leider hat die Presseankündigung nämlich nicht wirklich verraten, wo genau im Kino wann was stattfindet. Gut, die Tatsache, dass nur eine Sitzecke (wieder im beschaulichen Alpenflair) aufgebaut war, hätte mich auf die richtige Fährte bringen können. Aber selbst wenn ich mich direkt am Rand der Papp- und Plastik-Alm postiert hätte – spätestens die große Kamera vom MDR hätte mich locker weggekickt. Und mit nem kleinen Fotoapparat schlägt das Imperium ja da auch nicht gerade zurück. Also hab ich mich in Geduld geübt und stattdessen jeden mühsam rangekämpften Zentimeter wieder abgetreten, um ein paar Kids den Vortritt zu lassen. Die gehörten ja im Gegensatz zu mir auch zur Zielgruppe – egal ob für Heidi oder doch Fack ju Göhte. Gutes Gefühl, harmlose Pioniertaten gehen noch immer.

Lasset die Selfie-Spiele beginnen

Kaum hatte Jella ihre Interviewpflichten erfüllt, schossen zeitgleich gefühlt 100 Handys in die Höhe. Lasset die Selfie-Spiele beginnen! Eine Frau, die sich per geschätztem Alter eigentlich eher für Hansi Hinterseer statt Heidi und Jella interessieren müsste, war auch dabei – und leider nicht ganz fit in der Bedienung ihres Smartphones. Da hat sich Publikumsliebling Jella gleich als digitaler Nachhilfelehrer angeboten und die Sache im wahrsten Sinn des Wortes selbst in die Hand genommen. Als dann ein Kind (Eins! Ein einziges!) um ein Autogramm gebeten hat, wurde die Sache aber auch für Jella knifflig – erst wollte der Stift nicht so recht … dann eignet sich der eigene Oberschenkel nur bedingt als Schreibunterlage… und schließlich stellt sich raus, dass der Pavillonpfeiler nur Attrappe ist. Zum Glück stand unter dem alpinen Dach auch ein Tisch. Am Ende zählen wir zwei Autogrammanfragen (Zwei! Wirklich nur zwei!) – eine davon geht auf meine Kappe (versteht sich von selbst: für L). Selfies sind die neuen Autogramme.

Heidis hartes Leben

Bis hierhin hat das Heidi-Ensemble seine Sache wirklich ordentlich gemacht. Ich bin gespannt auf den Film. Und dann ist der auch noch gut – einfach gut. Die Story ist ja gemeinhin bekannt: armes Waisenmädel wird zum kauzigen Großvater auf die Alminsel Helena verbannt, transformiert den alten Stiesel zum Musteropa, findet im Geißenpeter nen echten Busenkumpel, lebt in einer Bilderbuchkulisse, wird dann nach Frankfurt deportiert um einer einsamen Halbwaise, deren Vater ständig unterwegs ist, Gesellschaft zu leisten, darf schlussendlich zurück, denn ihre Welt sind die Berrrherrrge – und als besonderes Topping kann ihre Großstadtfreundin am Ende wieder laufen. Familienfilm hin oder her – wer jetzt glaubt, Gsponers Film ist nur altbackene Alpenromantik, darf sich getrost umgucken. In den ersten fünf Minuten hätte ich Hauptdarstellerin Anuk Steffen (die übrigens ne unfassbare Ähnlichkeit mit Radost Bokel aus dem Momo-Film hat) alias Heidi am liebsten getröstet, weil ihr Leben so schwer ist. Geschlagene 15 Minuten hats gedauert, bis der Almöhi das erste Mal gelächelt hat. In Summe besticht der Streifen einfach durch gut gemachte Bilder, witzige Szenen und seine wirklich ordentliche Besetzung (Bruno Ganz, Peter Lohmeyer und Hannelore Hoger sind ja nu nicht die allerschlechteste Wahl unter Deutschlands Schauspielern). Die kleinen und großen Zuschauer, die ich nach dem Film kurz interviewt hab, teilen meine Meinung übrigens geschlossen. Also Eltern mit Kindern im kinofähigen Alter – geht ins Kino! Meine Premiere – MZ-Lokalreporter bei der Premiere – verbuche ich derweil mal als Erfolg.

Das Jella-Autogramm kam übrigens gut an bei L. Und dann hat sie gefragt, ob ich auch ein Selfie mit ihr gemacht habe. Irgendwann wird im Landkreis Harz das eine oder andere Handy mit dem einen oder anderen Jella-Selfie kaputtgehen. Dann werd ich L einfach nochmal dazu beglückwünschen, dass Papier bei akzeptabler Haltung ne weit höhere Lebenserwartung hat als SD-Karten und Smartphones.

 

 

 

 

 

1 Comment
  • Mainbirdy
    Dezember 9, 2015

    Selten so einen gute und unterhaltsame Filmkritik gelesen. Es macht einfach immer Spaß und jetzt will ich auch in die Beeerrrherrrge ääähm also ins Kino.

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