Rosenkavaliersdelikte auf dem Berg

Lesezeit: 4 min

Familienmusical „Die Schöne und das Biest“ im Harzer Bergtheater

Es heißt doch immer, wahre Schönheit kommt von innen und nicht aus dem Spiegel, right? Glück für den biestgewordenen Prinzen. Der braucht nämlich dringend jemanden, der ihn um seinetwillen liebt. Zu dumm, dass Prinzbiest Rosario ein ignoranter, emotionsloser Stiesel ist. Sowas kommt bei der Frauenwelt ja gemeinhin nicht allzu gut an. Unter den Märchenmotiven ein echter Klassiker! Stimmt’s, Froschkönig, Prinz im Bärenfell, Schneeweißchen und Rosenrot? Rosen sind ein gutes Stichwort: Wir sind bei „Die Schöne und das Biest“. Auf dem Berg. Das Theater „Fairytale“ hat sich das französische Volksmärchen geschnappt und ein ziemlich gelungenes Familienmusical für das Harzer Bergtheater daraus gemacht. Mindestens seit Disneys Zeichentrickadaption 1994 oder dem realen Nachschlag von 2017 kennt man die Geschichte sicherlich. Dass Ronny Große seiner Inszenierung mehr Witz und schrille Momente spendiert, sorgt glücklicherweise dafür, dass man irgendwie doch entspannt bei null anfängt. Und hab ich da eine kleine Dirty-Dancing-Reminiszenz gesehen?

Stummfilm-Slapstick auf dem Berg

2018_06_10_151420_IMG_0105Ich mag Alliterationen und Wortspiele (hat man auf diesen Seiten vielleicht schon bemerkt). Eine Rose! Eine Hose? Eine Rose! Die Kinder im Publikum freuen sich, ich freu mich mit. Lachende Menschen sind immer so ansteckend. In den ersten Minuten gehört die Bühne Kathrin Steinmetz, die die geborene Hofnärrin Lebdifro zu sein scheint. Charlie Chaplin hätte applaudiert, so viel Slapstick- und Stummfilmcharme stolpert da über den sandigen Boden. Nur, dass Lebdifro etwas weniger blass umme Nase ist als der Tramp. Im Laufe der 90 Minuten darf sie als Running Gag immer wieder kurz verzweifelt aufheulen – darauf könnte ich nach der dritten Wiederholung verzichten. Ein paar Zuschauer sehen das genauso. (Sehr gut, ein kleiner Kritikpunkt – ich hatte schon Angst um meine Glaubwürdigkeit, was den Berg angeht.)

Alternative Erziehungsmethoden

Zurück zum Biest. Das ist hier optisch gar nicht so gruselig (und damit absolut kindertauglich), hat dafür aber charakterlich umso mehr Nachholbedarf. Robin Koch macht einen ganz interessanten Spagat: Man möchte Rosario ohrfeigen, weil er seinen tapsig-treuen Hofstaat so abwatscht. Und man möchte ihn kurz trösten und sagen, dass das Leben selten so blöd ist, wie es manchmal scheint, wenn er versucht, sich sein oberflächliches Glück als Rosenzüchter schön zu reden. Als er die Hexe Nirgendwo (Thomas Nolle) flegelhaft abweist, folgt die Strafe auf dem Fuße: Ab sofort spaziert er gehörnt und voller Fell durch das Musical. Das Prinzgefolge bekommt ebenfalls sein Fett weg und wird in Gegenstände verwandelt: Schatzmeister Geldknapp (Felix Kroeger) muss Perücke und Rechenrahmen an den Nagel hängen – als Geldsack braucht er beides nicht mehr; Köchin Käsespätzle (Paula Wiele) wird derweil zum Kochtopf, Hofmalerin Pinselstrich zum borstigen Werkzeug, Hofgärtnerin Lassiwachs zur Gießkanne und die Wachen Donnerschild und Spitzspeer (Charlie John und Tommes Schülke) mutieren zum Mauerwerk. Nirgendwo macht – unterstützt durch reichlich Donner und Nebel – jedenfalls keine halben Sachen. Interessante Erziehungsmethode auf jeden Fall.

Eine schrecklich nette Dorffamilie2018_06_10_153505_IMG_0229

Dann fehlt uns ja jetzt nur noch die Schöne, die den Fluch bricht: Belle. Gespielt wird sie von (der anschließend vielfach gelobten) Maria Schmidke. Die wohnt zusammen mit ihrer schrecklich netten Familie – Vater Uhrenmeister (Dietmar Quasthoff) und den selbstgefälligen Schwestern Evelyna und Silvia (Franziska Bleu, Victoria Wolfgramm) – im Dorf. Hier spielt die Theatercrew wieder mit der Stärke des Standorts – Schloss links, Dorf rechts. Manchmal vergisst man da vom Rang aus fast, dass man nicht im Wald hinter einem Busch hockt und die Szene heimlich beobachtet. An dieser Stelle schlägt das Theater dem Film ein Schnippchen und reißt die vierte Wand ein: Der Uhrenmeister denkt laut, die aufgeweckten Kiddies auf den Rängen antworten.

Nein-Sagerin auf dem Schloss

2018_06_10_162134_IMG_3600Als der Uhrenmeister für Belle ungefragt eine Rose aus dem Schlossgarten pflückt, nimmt das Schicksal seinen Lauf. Wer seine Dornengewächse mit Champagner und Kaviar düngt, verhängt für so etwas schonmal die Todesstrafe. Ist ja schließlich kein (Rosen-)Kavaliersdelikt. Das Prinzbiest ist aber kein Unmensch und lässt den Dieb am Leben, fordert dafür jedoch Belle als neue Mitbewohnerin. Schmidkes Belle ist wie alle guten Märchenprinzessinnen – sie scheut die vermeintliche Gefahr nicht (siehe Lektion 1 – innere Werte!), ist gütig und lässt sich nicht verbiegen. Kein Wunder, dass das Biest und sein Gefolge sich sofort verlieben. Die Chaos-Gang hat das Herz auf dem rechten Fleck und Lektion 1 übrigens schon vor dem letzten Auftakt-Gong kapiert. Und dann ist Belle ja immer noch der Freifahrtschein zurück in die menschliche Welt. In den nächsten Monaten (alias Minuten) zeigt Belle immer wieder, dass sie keine Ja-Sagerin ist – etwa wenn sie dem ungehobelten Fellprinzen Paroli bietet und zu seinem Pech leider auch, wenn sie seine zahlreichen Heiratsanträge ablehnt. Soviel Charakterstärke färbt ab – langsam fällt der Groschen beim Biest. Perfektion allein macht eben nicht glücklich. Stelle zwischendurch mal wieder fest, dass Märchen sich in ihrer Moral manchmal durchaus am echten Leben orientieren. Fragt sich jetzt nur noch, ob diese Erkenntnis rechtzeitig kommt …

Gesungene Gänsehautgaranten

Die Musiktitel passen perfekt. Komponiert hat Schauspieler und Entertainer Enrico Scheffler, getextet der Regisseur persönlich. Weil ich weiß, dass ihre Stimmen im Harz viele Fans haben: Beide sind auf dem Soundtrack auch zu hören. Zwischen Balladen und Ohrwürmern fühlt man sich da durchweg wohl. Von etlichen Zuschauern höre ich danach, dass sie lachen, weinen und sich eine Gänsehaut vom Arm streicheln konnten – für ein Musical, glaub ich, nicht die schlechteste Bilanz. Schade, dass die Tracks (wie gute Oldies) immer nur um die zwei Minuten dauern. Deswegen solltet ihr nach dem Besuch einer Vorstellung trotzdem den Soundtrack aus dem Fanshop mitnehmen.

Blumenflut2018_06_10_163222_IMG_3621

Was ich am Theater noch mag: Nachdem der (manchmal, wie hier aufm Berg, nur imaginäre) Vorhang fällt, macht die ganze Bühnenkombo immer ein unheimliches Tamtam. Blumen, Verbeugungen, noch mehr Blumen, nochmal Verbeugen. Zu Recht. In nicht mal zwei Stunden machen ein paar Dutzend Leute aus kaum etwas immerhin eine ganze Menge, holen damit 1200 Zuschauer mal eben aus dem Alltag ab und schmeißen sie in eine vollkommen andere Szenerie. Ronny Große hat recht, wenn er diese Premiere als herausragende Ensembleleistung lobt – schauspielerisch, gesanglich und choreografisch. Gerade die jüngsten Darsteller – manche sind erst seit Weihnachten dabei – haben sich da durchaus mit Ruhm bekleckert. Nach dem Musical sagen mir zwei Mädels aus Leipzig, dass das hier die Filmvorlage geschlagen hat. Jep. D’accord. Ich frage mich trotzdem mal wieder, wieviele Blumen mancher Theaterschauspieler wohl zuhause hat. Bei ’nem vollen Spielplan braucht man ja da die eine oder andere Vase …

Fotos: Marko Heiroth

Spielplan/Tickets

Donnerstag, 21. Juni 2018, 11:00 Uhr
Donnerstag, 28. Juni 2018, 11:00 Uhr
Sonntag, 01. Juli 2018, 15:00 Uhr
Donnerstag, 05. Juli 2018, 11:00 Uhr
Dienstag, 10. Juli 2018, 11:00 Uhr
Dienstag, 07. August 2018, 11:00 Uhr
Sonntag, 12. August 2018, 15:00 Uhr
Mittwoch, 22. August 2018, 11:00 Uhr (Dernière)

Änderungen vorbehalten. Tickets gibt es u.a. → hier

 

 

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