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  • Rockharz 2018 - Foto Marko Heiroth
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Harte Kutte, weicher Kern beim Rockharz

Lesezeit: 5 min

Anwälte, Informatiker, Busfahrer, Ärzte. Liest sich ein bisschen wie das Programmheft einer Jobmesse, ist aber eigentlich nur ein Querschnitt der 17.000 Rockharz-Besucher auf dem Flugplatz in Asmusstedt. Aufm Festival ist per Naturgesetz jeder gleich staubig. Und statt Anzug oder Kittel ist die Dienstklamotte hier auf dem Metal- und Rockfestival bevorzugt ein schwarzes Bandshirt, wahlweise mit Jeans- oder Lederkutte drüber. Kutte statt Krawatte. Was 1993 mal ganz klein als Konzertinitiative „Rock gegen Rechts“ anfing, headbangte sich dieses Jahr mit einem neuen Teilnehmerrekord schon durch seine 25. Auflage. Na ja, und „gegen Rechts“ ist ja dieser Tage auch nicht ganz unaktuell. Dass ich mit Metal so viel anfangen kann, wie Horst Seehofer mit seinem Ministerposten, ist erstmal sekundär. Nach drei Jahren endlich wieder ein Festivalbändsel am Handgelenk tragen – darum geht’s. Vor lauter Euphorie lasse ich mir sofort ein Airbrush-Tatoo st…sprühen. Fühle mich jetzt gleich viel verwegener. Und heldenhafter – ist nämlich das Batman-Logo. (Denkt euch das Batman-Theme. In einer Metal-Version.)DSC_3275-01

Schwarz ist bunt genug

Selbst das Streetfood ist hier schonmal schwarz – gefärbt mit Sepia und medizinischer Pflanzenkohle. Schwarze Buletten im schwarzen Burgerbrötchen haben dann auch gleich ’ne gute Tarnung, falls sie auf dem Grill mal anbrennen. Die Preise sind moderat, der Burger kostet mich 6,50 EUR. Auch wenn ich beim nächsten Rockharz wohl versuchen muss, ’nen Toaster aufs Gelände zu schmuggeln – das Brötchen kann noch so schwarz, der Salat noch so frisch sein: Ein kaltes Brötchen fetzt nicht. Nächstes Mal dann lieber die schwarzen Pommes. Aber die sahen mir auf den ersten Blick einfach zu sehr nach Kälteschäden am Bergsteigerfinger aus.

Chaos mit Legitimation

Ich bin ja – das Rockharz ist für mich „nur“ ein Lokalzeitungsabenteuer – bloß Tagesbesucher am Finalsamstag. Aber alle anderen kaufen sich mit dem Ticket vier Tage Campingurlaub unter Gleichgesinnten und den Freifahrtschein, gesellschaftliche Konventionen und allzu hochgestochene Alltagsregeln mal außer Acht zu lassen. Im besten Fall heißt das Danebenbenehmen mit Legitimation. Vormittags gemütlich den Grill anschmeißen, dazu das erste Dosenbier, Büchsensuppe als Fünf-Sterne-Essen oder vor dem Zelt eine Runde Wikingerschach und Flunkyball. Das ist nicht nur höhere Festivalkultur, sondern beinahe genauso wichtig wie die großen und kleinen Bands, die zwischen Mittwoch und Samstag für Lärm auf der Doppelbühne sorgen. Wer es zivilisierter und staubfreier mag, schläft im Wohnmobil. Aber die schönsten 45 Grad sind immer noch die morgens im Zelt. Campingplatz trifft Konzert trifft Stadtfest trifft Geisterbahn. Briefkästen, Blumenkästen, Camp-Fahnen, Band-Fahnen, Teppiche vor dem Bus. „Gibt ja keine Bonuspunkte für Unbequemlichkeit auf dem Festival“, sagt mein alter Kollege S. zu mir, als ich ihn und seine Gang auf dem Zeltplatz besuche. Stimmt auch wieder. Ungeschriebenes Festivalgesetz: Improvisation und best practice sind die halbe Miete. Es gibt praktisch nichts, was sich nicht aus Gaffatape und Müllsäcken zaubern lässt.

Windelrocker beim Rockharz

Wenn ich schreibe, das Publikumsalter war bunt gemischt, denkt ihr bestimmt sowas wie „Jo alles klar, zwischen 18 und 80 Jahren“. Wäre aber so nicht ganz richtig: Erschreckend viele Rockharzer können noch nicht mal laufen und gerockt wird da maximal die Windel. Sie erleben das Festival mit großen Ohrenschützern in der Trageschlaufe. Viele Besucher schütteln den Kopf, ich auch. Ich treffe die 10-jährige L. aus Bad Lauterberg, die das erste Mal mit Mutti und den elterlichen Freunden harzen darf. Zehn – das ist okay, denke ich. Im August folgt das M’era Luna Festival. Metalgene erfolgreich weitervererbt. Im Camp ist L. die schwarze Prinzessin, auf die jeder aufpasst. Das hat Charme. Etliche Ü50-Besucher erzählen mir, dass sie von ihren erwachsenen Kindern angefixt wurden und inzwischen gemeinsam mit ihnen hier feiern. Jetzt wisst ihr, wie man heute Familienurlaub macht – auf dem Rockharz. Das ist wie Ferien auf ’nem niedlichen Campingplatz in Italien. Nur mit Langhaarigen und lauter Musik. Und – sagt mindestens ein Dutzend Leute – so viel besser als ein luxuriöser Robinson-Cluburlaub. „Zu kommerziell, zu groß“, sagen sie auch über den Club.

Wer hat, der wackt

Das Wacken Open Air ist der Robinson Club in dieser Geschichte. Gut und schön und teuer. Die Tickets kosten mit etwas mehr als 200 EUR mal schlapp das Doppelte vom Rockharz. Wer hat, der wackt. Viele Besucher des Rockharz schätzen und loben, auch wenn das Festival in Sachen Ausmaß und Professionalität in den letzten Jahren gehörig gewachsen ist, aber gerade die entspannte und überschaubare Atmosphäre. Überschaubar ist übrigens wörtlich zu nehmen: Der Flugverein bietet im gelben – nein, das habe ich mir nicht ausgedacht – Robinson R44 Hubschrauber-Rundflüge über das Gelände an. Das ist wie good cop, bad cop mit Robinson. Gelb is good. Win/win: Die Vereinskasse der Flieger hat dank der mobilen Aussichtsplattform in 200 Metern Höhe eine extra Spritze bekommen, die Metalcrowd ist hin und weg. Ich bin vor allem weg – Höhe ist schließlich immer noch meine Achillesferse.

Harz Force One

Und dann ist da noch die „Silberne Gams“. Eine Transall C-160, die auf dem Flugplatz darauf wartet, ihr zukünftiges Zuhause, das Luftfahrtmuseum Wernigerode, beziehen zu können. Veranstalter, Verein und Museum mussten also die Köpfe zusammenstecken und eine Lösung finden, die alle Beteiligten glücklich macht. Aus der Gams wird dank ablösbarer Rockharz-Jubiläumsmotive kurzerhand die „Harz Force One“. Unter dem einen Flügel strömen die schwarzen Massen rein, unter dem anderen raus aus dem Konzertgelände. Wem kann ich applaudieren für diese gute Idee? Viele Museumsfans laufen auf Facebook Sturm. Unberechtigt, wie mir scheint: Neben Aufklebern hat man der Gams schließlich noch genügend Absperrzäune und Security spendiert. Für die Metalheads ist sie vor allem ein brauchbarer Selfiehintergrund. Und ungeplant gute Werbung fürs Museum. So unheimlich mancher Kuttenträger auch aussieht: Friedlich sind die meisten von ihnen. Eindeutig harte Kutte, weicher Kern.

Ach ja, die Musik …

Ihre Energie lässt die Mützenmeute – vor lauter Sonne und Hitze kommt hier kein Topf ohne Deckel aus –  ohnehin vor der Bühne raus. Manche verbringen die Konzerte dauerspringend und headbangend. Nie war Kopfschütteln optimistischer. Andere wippen nur gemächlich mit den Füßen. Anfangs bin ich irritiert, von zwei Bühnen zu lesen, aber aus der Ferne nur eine zu entdecken. Die ehemaligen Kollegen klären mich auf, dass das Rockharz pfiffig ist: Die große Bühne ist ein siamesischer Zwilling. Während eine Seite umgebaut wird, toben sich wenige Meter weiter auf dem gleichen Stahlkoloss Knorkator, Paradise Lost, In Flames, Skyclad, Die Apokalyptischen Reiter, Goitzsche Front und ihre Line-Up-Kollegen aus. Überschneidungen im Timetable – noch immer der Staatsfeind Nr. 1 für jeden Festivalgänger – sind so ausgeschlossen. Dass hier jeder seine eigenen Ansichten hat, welche Band die beste, größte, überflüssigste ist, ist keine Erfindung des Rockharz sondern schlicht Geschmackssache. Zu meiner Überraschung finde ich ein paar der Bands ganz cool. Statt oder neben simplem Applaus gibt es oft die kollektive „Pommesgabel“ aus dem Publikum. Fehlen eigentlich nur noch die schwarzen Pommes.

Fotos: Die letzte Pommesgabel des diesjährigen Rockharz geht raus an Marko Heiroth, der mir (wie so oft) erlaubt, seine Fotos hier zu zeigen. Noch mehr Rockharz 2018 in hübschen Pixeln findet ihr auf seiner Seite.

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