Musical Night: Ein Exposé in Superlativen

Musical Night im Bergtheater. Knapp vier Wochen nach DSDS zeigt die Musikkurve wieder steil nach oben. Kaufmännisch betrachtet ein Volltreffer, gibt ja immerhin 21 Musicals zu einem Preis. Noch dazu an einem Termin, einem Ort – logistisch quasi unschlagbar. Wie faszinierend der Berg (und damit meine ich speziell das Bergtheater) ist, habe ich ja schon mal erzählt. Allein, diesen Ort nur „den Berg“ zu nennen, haucht dem hübschen Fleckchen voller Natur und Kultur schon eine magische Bedeutung ein, finde ich. Ich gucke mir das ausverkaufte Spektakel von ganz oben aus an. Dass der Einlass sich ein bisschen hinzieht stört die wenigsten. Nur wer draußen noch grübelt, ob der Rucksack das maximal erlaubte A4-Format überschreitet, hat vielleicht noch nicht den höchsten Entspannungspegel.2017_07_22_204821_IMG_0116

Wer schon drin ist, kann derweil in Ruhe die Titelliste des Abends scannen. Sitzreihe 19 – mich eingeschlossen – ist sich über etliche Köpfe hinweg einig, dass das erste Stück uns gar nichts sagt. Kann’s einen besseren Einstieg geben? Wie ein Überraschungsei von, mit und über Joseph and the Amazing Technicolor Dreamcoat. Was Gesungenes! Was zum Tanzen! Und Kostüme! Meine Musicalerfahrung beschränkt sich bisher auf die überschaubare Anzahl von drei Inszenierungen: Grease, West Side Story, und Robin Hood – das Musical (ratet, wo ich den Held in Strumpfhosen hab singen hören), ich werde mich also am Ende des Abends vor lauter musikalischer Reizüberflutung mit Youtube in den Schlaf wiegen, das weiß ich schon vor dem ersten Takt. Als „Wie vom Traum verführt“ gerade mal ein paar Töne alt ist, korrigiert sich Reihe 19 – mich eingeschlossen – plötzlich: Kennen wir!

Pfeif auf den Regen

Auf dem Berg hat das Wetter immer eine der Hauptrollen, auch das habe ich schon erwähnt. Aber – frei nach Monthy Python – wenn das Leben dir (bis mittags literweise) Regen gibt, fang an zu pfeifen und mach‘ eine Musicalnacht draus! Dieser Optimismus zieht dann auch direkt das Publikum in seinen Bann und verwandelt es in sangestolles Bergvolk. „Always Look on the Bright Sight of Life“. Genug auf dem Wetter rumgehackt, inzwischen weiß es sich ja zu benehmen. Außerdem wurde gerade das Dirk Jecht Orchester enthüllt. Wortwörtlich. Hervorgezaubert hinter einem gefallenen Vorhang. So viel Geste kommt immer an. Und die Jungs sind nicht ganz unwichtig: Als Musik hinter den Stimmen, als Volumen in den Liedern, als Stützkorsett der sechs Sänger.

Brille statt Blumen

Einer davon ist Ronny Große, der Intendant der heiligen, hohen Hallen. Die Tatsache, dass er heute Kontaktlinsen trägt, wird mich den ganzen Abend noch zu wenigstens fünf Prozent ablenken. Am liebsten würde ich ihm, denke ich kurz vor mich hin, zum Ende des Abends, wenn die Künstler Blumen bekommen, eine Brille überreichen.2017_07_22_223208_4W7A6043

Gänsehaut-Flashmob

Melanie Thieke singt mich sofort in die Realität zurück. Den ersten schönen Kitschmoment des Abends gibt es umsonst dazu: Mit dem Einsetzen der Melodie strecken sich in allen Reihen zeitgleich Leute ihre Arme entgegen. So wie Sportler eine Trophäe hochrecken. Als ob die Ränge spontan eine eigene Choreographie starten. Ein Gänsehaut-Flashmob. „Erinnerung“ ist so ein Titel, den jeder kennt. Manchmal weiß man gar nicht, woher. Hier schon. Cats. Laut einer PwC-Umfrage kennen 78 Prozent aller Deutschen Amazons digitalen Alles-Helfer „Alexa“. „Erinnerung“ würde im Tiefschlaf mit schiefen Noten und schlechtem Gesang noch drei Prozent mehr holen. Schlechten Gesang gibt’s hier aber nicht – Melanie kann, was sie da tut.

Musical-Weltreise

Jeder Titel liefert gesungenes Theater in einem Akt. Manchmal mit 1300 Komparsen – wir haben zu lachen, die Füße zu schwingen, die Arme zu schwenken. Mit dem Sonnenuntergang wird die Nacht langsam auch wortwörtlich eine. Ist ja schon allein für die Romantik gut. Die wird hier nämlich noch gebraucht. Vorher werden wir einmal um den Globus geträllert: Mit My Fair Lady geht es rasant und galant zugleich nach London, mit Tarzan in den afrikanischen Dschungel. In Paris sind wir gleich mehrmals – erst mit den 3 Musketieren, dann (wir werden schonmal auf den romantischen Höhepunkt vorbereitet) mit dem Glöckner von Notre Dame und wer von Musicals spricht, kommt am Phantom der Oper nicht vorbei. Laut meiner Sitznachbarin (rechts) übrigens eines der wenigen Musicals mit dem hohen C. Laut meiner Sitznachbarin (links), sie spricht aus zwanzig Jahren Erfahrung, zudem das denkbar schlimmste Einsteiger-Musical, weil es die Messlatte weit höher legt als die rund 450 Meter, die wir gerade unter uns haben.2017_07_22_211419_4W7A5592

Tausend mal berührt

Noch zwei Tage später im Büro höre ich Musical-Medleys rauf und runter. Schuld ist das Phantom. Wieder so ein Aha-Titel. An diesem Abend verkörpert es mein „Tausend mal berührt„. Lieder, die man schon ewig kennt, denen der Durchbruch vom Ohr in den Kopf bisher aber verwehrt geblieben ist. Christine (Clara Zepeda) auf der Bühne, das Phantom (Enrico Scheffler) auf der Treppe. Flammen und Drama. Der Berg ist nicht die Pariser Oper, aber hier hat die Melodie eine imposante Kulisse gefunden.

Partridge, Partridger, am Partridgesten

Ein paar der kuriosesten Songs hat Toby Partridge abbekommen. Während er mir in Aida noch zu hölzern war, steht ihm Anatevka um einiges besser – sein Milchmann Tevje provoziert reichlich Lacher und (obwohl wir im russischen Zarenreich unterwegs sind) ein bisschen Sirtakifeeling. Liegt aber vielleicht auch am ungewöhnlich warmen Abend. Je mehr Theater im Spiel ist, umso runder wird die Sache. Mit Jekyll & Hyde ist er dann in Stimmhochform. Partridge, Partridger, am Partridgesten.

Bissige Reminiszenz

Vampire machen Spaß. Sagt zumindest Enrico Scheffler, als er Tanz der Vampire ankündigt. Ich denke mal wieder, dass ich Ronny, wäre da nicht die markante Stimme, nicht erkennen würde. Gemeinsam mit einer tollen Solveig Hinz und dem Bilderbuch-Vampirbiss eine gelungene Reminiszenz an einen der größten Bergtheater-Erfolge, Dracula – das Grusical. Reihe 19 – mich eingeschlossen – hat gesprochen.

Kindchenschema hoch zehn (oder elf)

Dass Kaiserin Elisabeth lange nicht so liebreizend war, wie sie dank Romy Schneider in den Sissi-Filmen mit Franzerl und ihrem Papili daherkommt, dürfte ja inzwischen bekannt sein. Ein eigenes Musical hat sie trotzdem bekommen. Das ist mindestens deshalb auch gut so, weil die Musical Night 2017 sonst ohne ihren siebenten Sänger hätte auskommen müssen. Johann Kaus ist zehn oder elf Jahre alt und damit ziemlich genau so alt, wie Heintje (den er locker in die Tasche singt) zu besten „Mamma“-Zeiten. Kindchenschema hoch zehn (oder elf). Als trauriger Sohn der gemeinen Kaiserin sammelt er für seine Gasteinlage zurecht riesigen Applaus.

Getanzte Gefühlsausbrüche

2017_07_22_224334_4W7A6234Inzwischen haben die erwachsenen Sänger wieder das Singen. Überflüssig zu sagen: Der König der Löwen kommt ähnlich gut an. Dass die viele Gänsehaut keine meteorologischen Ursachen hat, hatten wir ja weiter oben bereits geklärt. Und ABBA – ABBA geht immer! Das Intro des Mamma Mia!-Medleys kriegt ein lautes „Whooo“, das verdächtig nah am hohen C kratzt. Apropos vermusicalte Musikfilme: Mit dem Grease-Medley feiert das Ensemble gleich die nächste Bühnenparty. Choreografiert hat die getanzten Gefühlsausbrüche Felix Kroeger. Was ziemlich beeindruckend ist, der hat nämlich dieses Jahr erst sein Abitur gemacht und somit noch keine 125 Jahre Berufs- und Bühnenerfahrung. Cabaret ist auch ohne Liza Minelli mit Z eines meiner Highlights, weil Melanie Thieke eine wirklich mitreißende Rampensau gibt. Entertainment hat man drauf oder nicht. Hier ist es Tor eins.

Jubel, Trubel, Textsicherheit

Ich schreibe übrigens nur so euphorisch, weil das Publikum – nicht nur Reihe 19, mich eingeschlossen – ständig aus dem Häuschen ist. Gerüchte besagen ja, dass Musik und Theater eine emotionsgeladene Angelegenheit sind. Mit Ich war noch niemals in New York haben Jubel, Trubel, Heiterkeit und Textsicherheit nochmal ein neues Level geknackt. Dem Scheffler’schen Entertainergen kommen die Udo-Jürgens-Titel naturgemäß entgegen.

2017_07_22_212100_IMG_0213Die Bademantel-Wehmut wird vom Finale und den Zugaben postwendend in ein Feuerwerk (erst auf, dann über der Bühne) verwandelt: We Will Rock You und Hair. Tanz und Gesang halten sich jetzt fast die Waage. Die Musical Night ist nicht nur kaufmännisch oder logistisch eine gute Sache, soviel weiß ich jetzt.

Selbst ist die Frau

Ich hatte euch mehr Romantik versprochen. Hier kommt sie, auf den letzten Metern, sowohl im Text als auch in der Show. Zwischen Udo und Freddie landet ein Paar aus dem Publikum auf den Brettern, die eben noch den Spaß bedeuteten. Jetzt bedeuten sie wieder Gänsehaut und „Ohhh“-Chöre auf den Rängen. Sie (aufgeregt) hat ihn (noch aufgeregter), zwei Kinder und ein Haus. Was noch fehlt, ist ein Ring. Ein Heiratsantrag! Bei aller Aufgeschlossenheit – in diesen Fragen (dieser Frage) bin ich altmodisch. Ich muss an Talkshows aus den 90er Jahren und Monica Lierhaus denken. Öffentliche Anträge haben manchmal einen merkwürdigen Beigeschmack. Aber sie ist schon cool. Geht einfach los, verbündet sich mit den Organisatoren und nimmt das Familienglück in die Hand. Mut hat man oder nicht. Wieder Tor eins. Hat er mit „Ja, gerne!“ geantwortet? Im Publikum würde man eine Stecknadel fallen hören. Ja! Von den Komplizen gibt es a cappella nochmal „Kann es wirklich Liebe sein?“. Ich sag‘ ja: Gänsehaut und „Ohhh“-Chöre.

Wir alle sind übrigens zur Hochzeit eingeladen. Hat Ronny gesagt. Bin gespannt, ob die Verliebten eine Location für 1300 Gäste finden. Halte mir den 18.8.18 mal vorsichtshalber frei.

Fotos: Marko Heiroth (Vielen Dank dafür!)

1 Comment

  • August 16, 2017

    Danke für diesen tollen Bericht zu unserem wundervollen Abend

    Es grüßt die mitreißende Rampensau *zwinker*

    Lieben Gruß
    Melanie Thieke

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