Landpartie: Per Velo nach vorgestern

„Die Szene boomt“, erzählt mir Thomas. Von welcher Szene wir reden, hab‘ ich erst im Mai erfahren, als ich zur Quedlinburger Landpartie eingeladen wurde. Nomen est Omen. Wir bleiben nicht im Heute, denn was schon im Namen den Charme von früher versprüht, ist eine nostalgische Fahrradausfahrt in passender Montur. Wer wie ich ein Faible für Fasching hat oder Dank seines Musikgeschmacks gern mal auf 10 bis 15 Jähre älter taxiert wird, lässt sich da nicht zwei Mal bitten. Außerdem ist Gestern manchmal einfach das bessere Heute. Die Regeln sind simpel: man nehme einen alten Drahtesel (oder wenigstens einen, der so aussieht) und werfe sich in alte Pelle. Dass alt nicht verlottert, sondern zeitgenössisch heißt, versteht sich bestimmt von selbst. Und zeitgenössisch ist nicht in Stein gemeißelt, sondern lässt Spielraum: zwischen 1900 und 1960 ist alles gern gesehen. Omas Kleiderschrank könnte also durchaus nützlich sein.

Im Oldtimer zur Landpartie

Aber erstmal zurück in’s Heute, zurück zur erwähnten Szene: Oldenburg hat seit 2010 den Tweed-Run. Der kommt aber deutlich elitärer daher als die Landpartie, höre ich. London hat ein Jahr früher auf dem historischen Rad gesessen. Auch andere Metropolen wie Berlin oder Stuttgart haben ihren Oldschool-Ausflug. Köln, hat Thomas mir erzählt, hinkt noch hinterher. Damit sich das ändert, haben er und einige Mitstreiter 2014 den Newhouse Bicycle Club gegründet. Inzwischen sind die „Kölner Fahrradverrückten“ (Selbsteinschätzung) zum zweiten Mal bei der Landpartie. Angefixt. So wie ich. Als ich kurz vor 10 auf dem Marktplatz aufschlage, fühle ich mich wie Else Urys Nesthäkchen. Und ich treffe auf die ersten drei Retroradler. Ringsherum bricht der Menschentrubel langsam los – wir Zeitreisenden haben den Markt nicht für uns gepachtet, sondern sind erstmal nur ein kleines Licht inmitten des Denkmalfrühstücks (Vereine und Firmen laden zum lockeren Plausch bei Kaffee, Kuchen, Sekt und Selters, Sonntag ist schließlich Tag des offenen Denkmals). Mein Begleiter in Stahl und Gummi an diesem Tag: ein altes Mifa-Rad, gebaut Ende der 1970er/Anfang der 80er. Es hat seinen 25. Geburtstag also hinter sich und zählt theoretisch als Oldtimer. Muss reichen, oder?! Damit könnte ich mich durchaus vor die Tür trauen, sagt mein Zeitungskollege. Er muss es wissen – ist ja immerhin einer der Initiatoren der Radrunde.

Lektion 1: der Wanderer

Dieses Jahr feiert die Landpartie sich übrigens auch ein bisschen selbst – zum 5. Mal geht es per Velo zurück in die Vergangenheit. So lange hält Pokémon Go sicher nicht durch, also Glückwunsch zum Jubiläum, Landpartie! Eine Stunde bis Abfahrt. Die Nostalgiegestalten vermehren sich rasant und sind ein netter Blickfang für Touristen, Einheimische und Frühstücksgäste. Dabei gab’s bei uns nicht mal Kaffee und Kuchen. Dafür reichlich Radgeschichte. Jedes Jahr kommen ein paar Neue und Ahnungslose wie ich dazu. Weil die „Experten“ angenehm wenig klugscheißern, dafür jedoch umso lebhafter von ihrem Hobby schwärmen, wird das mit der Ahnungslosigkeit schnell besser. Unter Fanatikern gilt das bestimmt als Blasphemie, aber: dass Wanderer und Adler nicht nur Naturliebhaber und Greifvogel, sondern auch Fahrradmarken sind, hab‘ ich erst jetzt gelernt.

Grüße in die Vergangenheit

Zwischendurch frage ich mich, wovon ich begeisterter bin: von den ganzen umwerfenden Drahteseln oder der Detailverliebtheit, mit der die Leute sich in Schale geschmissen haben. Inzwischen ist die Landpartie zwei Tage her, ich bin immer noch bei einem satten Unentschieden. Ein Teilnehmer hat sein Velociped („Fahrrad“ klingt glatt unangebracht bei all der Nostalgie) mit einem Erntedankkorb geschmückt, in dem ein Quedlinburger Kreisblatt vom 10. September steckt. Schön, ist ja heute. Denkste – es ist von 1887. Die Mühe soll sich lohnen: später werden sowohl das schönste Rad, als auch die bestangezogenen Fahrer prämiert. Ich sehe Militäruniformen, Knickerbocker, Seiden- und Tuchkleider, Stofftaschentücher und Hüte, jede Menge Hüte. Man muss sowas ja schon mögen, aber die Landpartie schickt da herzliche Grüße in eine Vergangenheit, als man noch was auf den Kopf gesetzt hat, bevor man aus dem Haus ging. Ich find’s gut: endlich wird man in der Kleinstadt mal nicht komisch angeschielt, weil man ’nen exotischen Hut trägt, sondern weil man … gut, ’nen exotischen Hut trägt. Heute sind die lieben Mitmenschen aber ausnahmsweise eher fasziniert, wie es scheint.

Das Nostalgie-Orchester rollt los

Landpartie Quedlinburg 2016Kurz nach 12, es geht los. Wie ein Klingelzug rollen wir vom Markt. In diesem Moment hab‘ ich wieder was gelernt: rund 60 Räder mit den unterschiedlichsten Klingeln geben ein gutes, rollendes Orchester ab. Auch Kinder sind dabei – manche treten selbst in die Pedale, andere lassen sich lässig von Mutti auf dem Kindersattel chauffieren. Das Ziel ist wie immer überschaubar nah. Treffer! Sowas erlaubt auch Leuten mit dünnerer Kondition die Teilnahme. Und es wartet (auch wie immer) mit einem Stück Kultur auf: es geht in den Felsenkeller Bad Suderode. Andere klassische Ausflugslokale der Region haben es nicht in’s Heute geschafft – den Felsenkeller gibt’s noch immer. Und wieder ist es wie beim Nesthäkchen: die feinen Herrschaften brechen bei bestem Sommerwetter auf, um eine erfrischende Berliner Weiße zu trinken. Unterhalb des Schlosses schlagen wir uns aus der Stadt Richtung Quarmbeck und wechseln querfeldein Richtung Gernrode, über die Drei-Bogen-Brücke nach Suderode. An Thomas‘ Rad prangt während der Picknickpause im Biergarten ein Zettel: „Abzugeben wegen Hobbyaufgabe“. Das Drama war letztlich wohl dennoch überschaubar, die Waldmeister-Weiße erfrischend genug – sein Velo musste jedenfalls doch nicht den Besitzer wechseln. Angelika hat Weintrauben aus dem Garten und Pflaumenkuchen für alle dabei. Den Weg von Thale nach Quedlinburg hat sie morgens übrigens, quasi als WarmUp, per Rad gewuppt. Ich bin mit meinem Mifa nur in den Zug gestiegen. Schlechtes Gewissen macht sich breit. Nach noch ’ner Weintraube geht’s besser.

Picknick unter Freunden

Es ist schwer, das Ganze nicht wie ein Picknick unter Freunden zu empfinden. So oder so ist es ein Sammelsurium interessanter Persönlichkeiten. Manche hier haben schlicht ein Faible für alte Sachen. So wie David, einer der Organisatoren. Ich treffe Elisa, die am eigenen Kinderbuch bastelt und abends zu recht den Preis für das beste Outfit mitnimmt. Fast die ganze Strecke radeln wir nebeneinander und sie unterhält mich mit alten und neuen Lied-Snippets. Welches Stichwort ich auch werfe, sie hat gesungene Töne dazu parat. Vielleicht eine Berufskrankheit des Erziehers, überlegen wir beide. Gibt schlimmere Krankheiten. Oder Diana aus Tangermünde, die seit 1993 am alten Eisen hängt und zeitweise an die 70 Sammlerstücke im Stall hatte. Überhaupt sei das irgendwie eine Sucht und mehr Spleen als Leidenschaft, meint Rainer. Er und seine Lebensgefährtin Silke sind aus Hildesheim und ebenfalls zum zweiten Mal bei der Landpartie. Angefangen hat alles vor drei Jahren mit einer Flohmarkthippe, die 20 Euro gekostet hat. Inzwischen besitzen sie mehr als ein Dutzend fahrtüchtige Retroräder. Hier ist das Hobby in den Alltag rübergeschwappt: beide pendeln beruflich nach Hannover, bewältigen die Stadtwege jedoch im Sattel und achten auch darüber hinaus vermehrt darauf, ihr Leben nachhaltiger zu gestalten – in Sachen Kleidung zum Beispiel.

Lektion 2: die Wollkrawatte

Neue Lektion für mich: es gibt sogar Krawatten aus Wolle. Silke macht mich außerdem auf einen anderen interessanten Fakt aufmerksam: in Sachen Emanzipation hat die Radelei für Frauen einiges gebracht. Der Rocksaum rutschte höher und hat so unfreiwillig geholfen, die Hose salonfähig zu machen. Wohin uns das gebracht hat, wussten Coco Chanel, Marlene Dietrich und inzwischen ja auch wir. Unsere Rückkehr beschließen wir auf dem Wipertihof im Creativ-Café Wirbelwind. Mein Milchshake aus Stracciatellaeis hier unterliegt zwar knapp dem Alster aus dem Felsenkeller, ist aber trotzdem ’ne Wucht. Bevor die Truppe sich auflöst, bekommen alle Minis einen Preis für ihre Teilnahme verliehen – eine feine Sache.

Stilecht zum Radlerball

Ein paar Stunden später kommen fast alle im Quartier 7 zum Radlerball wieder zusammen. Mancher hat seinen Tageszwirn gegen etwas Eleganteres getauscht. Ich staune immer noch über soviel Retro. Der alte Hof gibt für mich die perfekte Kulisse. Zeitgenössische Musik und Christian Morgensterns Galgenlieder auf der Bühne 7 drinnen bleiben Nebenschauplatz: die meisten sind gleichermaßen aufgedreht und abgekämpft und werten draußen im Hof die Tour aus. Die perfekte Zeit für Gespräche über Gott und die Welt. Gelegentlich wird über Räder gefachsimpelt. Natürlich. Dass die Formsprache zum Beispiel entscheidend sein kann. Ich schmunzle in mich rein – jetzt bin ich raus. Für heute reicht mir, dass ich ’nen Haufen netter Menschen und locker fünf Fahrradhersteller kennengelernt habe. Weil die Frage bereits kam: Wanderer, Adler (wie bereits erwähnt), NSU, Lindlau, Gold-Rad.

Fahrradwolf im Retropelz

Fazit: hübsche Schale, toller Kern. Dass ich 2017 wieder mitmache war allerdings schon beschlossene Sache, bevor wir mittags überhaupt losgefahren sind. Mein Ehrgeiz ist geweckt – für nächstes Jahr wird der Mifa-Oldie bestimmt noch etwas mehr rausgeputzt. Bis dahin gilt vermutlich wieder: in der Kleinstadt wird man komisch angeschielt, weil man ’nen exotischen Hut trägt. Davon abgesehen bin ich aber vorerst wieder im Hier und Jetzt anzutreffen. Gelegentlich auch auf dem Fahrrad. Übrigens ein Holland-Rad – ein neuer Fahrradwolf im Retropelz. Soviel Gestern muss auch im Heute sein.

 

Landpartie Quedlinburg auf Facebook

0 Comments

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *