Kindertraum-Lifecycle-Management für Fortgeschrittene

Business-Kasper kennen den Product-Lifecycle alias Produktlebenszyklus. Aber der Kindertraum-Lifecycle – das ist der wirklich harte Knochen. Hundert Punkte für die, die noch wissen, was sie geantwortet haben, wenn sie als Kinder gefragt wurden, was sie später mal werden wollen. Wer die Vorstellung seines Mini-Me dann auch wirklich in die Erwachsenentat umgesetzt hat, kriegt nochmal nen Bonus obendrauf. I remember. Es ist Neunzehn-vierundneunzig, meine Freundin ist weg und bräunt sich … nee Moment, das dauert noch zwei Jahre. Während Maria-h Carey noch Kleider in ihrer Größe trug, war Maria-nne Noll in der Grundschule Süderstadt dabei, ihrer Klasse 2b Lesen und Schreiben beizubringen. Frau Noll war sowas wie die Königin der Grundschullehrerinnen. Archetypisch hat sie immer den richtigen Mix gefunden aus Strenge und Coolness. Können ja nicht viele. Vielleicht noch Claus Kleber, wenn er durch sein ultra-interaktives ZDF-Studio surft. Oder Omma Lore von Micky Beisenherz. Jedenfalls hat Frau Noll ihre Sache ziemlich gut gemacht und mit den Buchstaben und mir – das ging auch ganz ordentlich.

Diamanten im Huhn

Also führte der nächste Weg in die Bibliothek. Sowas gabs damals noch. Und die hatten sogar mehr Bücher als DVDs. Die gabs nämlich noch gar nicht. Dafür Videokassetten. Und so viel Staub, dass die gesamte Vorwerk-Vertreterarmee Musterdreck für ihre Staubsauger gehabt hätte. Aber sie hatten auch Miss Marple und Sherlock Holmes. Nach der Lektüre bin ich sofort durch die Zauberkugel gegangen und wollte Schriftstellerin werden. Hab mich dann auch prompt an die Frühphase meines Schaffens gemacht. In vielen Jahren werdet ihr bei ebay über Werke mit so bedeutungsschwangeren Titeln wie „Diamanten im Huhn“ stolpern. Wen stört schon, dass die Pointe gleich im Titel rausgehauen wird! Für Kindertraum-Lifecycle-Manager: Entwicklungs- und Einführungsphase, eindeutig. Mein Sherlock hieß George Benetton und war bei der Schreibweise seines Nachnamens außerordentlich flexibel. Apropos Namen – da hatte ich ein besonders ausgeprägtes Talent. Der wiederkehrende Bösewicht nannte sich Jotel Joe. In seiner Stumpfheit übertraf er mindestens Harry und Marv aus den Kevin-Filmen. Damit ist irgendwie auch schon erklärt, warum er Dr. No und Goldfinger bisher nicht als Bond-Schurke beerben durfte. Aus mir bis heute unerklärlichen Gründen hat mein Vater diese Kurzgeschichten trotzdem ernst genommen und sie neutral wie ein Lehrer in Ausdruck, Grammatik, Rechtschreibung korrigiert und auf seiner Schreibmaschine abgetippt. Vermutlich, um die wertvollen Skripte für die Nachwelt zu erhalten. Weise. Und aus heutiger Sicht durchaus masochistisch. Vielleicht räume ich ihm das Vorkaufsrecht ein. Von einem Tag auf den anderen – genau genommen sogar mitten in einer neuen Detektivgeschichte – hab ich dann aufgehört.

Abwärtsspirale dreht sich weiter

Ich würd jetzt gern behaupten, dass ich schon mit 10 kapiert hab, dass mein Traum von der Schriftstellerkarriere noch schlechter geplant war, als der Pannenairport BER. Realistischer ist aber, dass ich schlicht das Interesse verloren hab. Auf das anvisierte Germanistikstudium, um Agatha Christie zu beerben, folgt mit 13 der Wunsch, Fotografin zu werden. Das hab ich dann auch bis zum Abi durchgehalten. Neben etlichen Bildern bin ich währenddessen dummerweise auch zu der Erkenntnis gekommen, dass Fotografie eine ebenso brotlose Kunst ist. Im Kindertraum-Lifecycle ist jetzt die Wachstumsphase erreicht. Und nicht nur da – heute bring ich schon etwas mehr als 1,60 m aufs Maßband. Die Abwärtsspirale des unbescholtenen Kinderwunschs lässt sich trotzdem nicht aufhalten – die verdammte Vernunft denkt neuerdings immer mit. Wo zum Teufel war die eigentlich, als meine Krimihelden ihre Namen gekriegt haben??? Ein neuer Plan musste her: Ein Studium! Mal wieder! Sehr gut! Grundschullehramt! Ich war sogar in Frau Nolls ehemaligen heiligen Hallen zum Praktikum. Soweit so gut. Bis ich vom Numerus Clausus ins Abseits gedrängt wurde. Zwei Jahre unbezahlte Ferien waren irgendwie nicht realistisch, also neuer Plan. Mal wieder! Dafür weiß ich jetzt, wie man Nudelengel bastelt – falls also noch jemand hübschen, natürlichen Weihnachtsbaumschmuck braucht. Naheliegend war jetzt jedenfalls nur eins – eine Ausbildung zur Kauffrau für Dialogmarketing. Auf Deutsch: CallCenter-Schickze. Zum Glück gab es in meinem Lehrbetrieb mehr Marketing als Dialog. Marketing – das ist per Definition immer ein bisschen Alles und Nichts und bis heute mein Job. PR gehört auch dazu. Haaa, kleines Happy End – Schreiben ist schließlich inbegriffen.

Die Reifephase – Kindertraum-Lifecycle-Management at its best

Mein Kindertraum-Lifecycle kriegt neuen Schwung und rutscht langsam in die Reifephase: Mit 22 hat der Autorengott sich doch nochmal erbarmt und mir nebenberuflich eine Stelle als freier Mitarbeiter bei der Mitteldeutschen Zeitung beschert. Berichte über Hundesportwettkämpfe zu schreiben ist zwar nicht die ganz große Prosa, aber irgendwie eben doch ganz cool. Kindertraum-Lifecycle-Management at its best. Inzwischen durfte ich für die MZ übrigens auch schonmal über etwas anderes als Hundesport schreiben. Beinahe zeitgleich hat mein werter Herr Vater die Stifte gewetzt und ist mit mir gemeinsam in den Papierkrieg gezogen: unser Hundesportverein hat mal eben das Jahrhundert vollgemacht und er hat beschlossen, eine Chronik zu verfassen. Das haben wir dann auch einfach gemacht. So zwischen Frühstück und Gänsebraten. Hat zwar inklusive Recherchen fünf Jahre gedauert, kann aber immerhin als echter Druck in lokalen Buchläden erworben werden. Für nen verschmähten Kindertraum eigentlich ne ganz akzeptable Bilanz. Mal sehen, wann Sättigungs- und Rückgangsphase meinen Kindertraum einholen. Vielleicht gehe ich vorher einfach noch mal schnell los und schreibe das letzte Abenteuer von Benetton und Jotel Joe fertig. Es geschah an einem verregneten Tag in London … ein Glück, wollte ich kein Feuerwehrmann werden!

 

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