Johannes Oerding im Land der Thalesen

Ich bei nem Konzert von Johannes Oerding. Alles brennt. Bei diesem Gedanken auch in meinem Kopf. Das Süddeutsche Zeitung Magazin könnte ne tolle „Gefühlte Wahrheit“ daraus machen, wie unwahrscheinlich das ist. Tjoar, hat sich so ergeben – die Mitteldeutsche Zeitung hat gefragt, ob ich drüber schreiben möchte und da gabs gleich mehrere Gründe, Ja zu sagen: es ist August 2016* und ich bin völlig unterernährt, was Konzerte im laufenden Jahr angeht (bisher nur die famosen Beach Boys). Und dann wäre da noch meine Einstellung, dass ein wirklich guter Livekünstler dich immer einfangen kann – egal wie nervig du seinen einen Über-Hit findest, der dir auf allen Kanälen einfach stets und ständig entgegenschallt. Also tapfer sein, hin da.

Transsibirische Seilbahn

Als Johannes Oerding um 21 Uhr auf die Bühne des ausverkauften Harzer Bergtheaters springt, zeigt sich „der Berg“ von seiner besten Seite und spendiert passable Temperaturen ohne Regen – bei dieser Kulisse ein nicht ganz unwesentlicher Fakt für die 1999 anderen Besucher und mich. Der Berg ist atemberaubend schön – und hinterlistig. Ehe man sich versieht, kippt die Temperatur und man fühlt sich nach Sibirien versetzt. Transsibirische Eisenbahn Seilbahn sozusagen. Ja, ich übertreibe. Kühl wirds trotzdem, das ist da oben quasi Gesetz. Die Seilbahn gibts aber wirklich, hat mich ja schließlich auch auf den Berg befördert.

Die Harzer Wand

Zurück zum Oerding. Für zwei Konzerte ist der Hamburger mit seiner „Alles brennt“-Sommertour (uahhh, da ist er wieder, der schlimme Ohrwurm) bei uns in der Bodestadt zu Gast und macht gleich mal klar, wie wohl er sich bei seinem zweiten Besuch nach 2014 fühlt: „Thale, wenn ihr euch sehen könntet“. Komplimente verteilen – immer ein guter Einstieg. Ich nehm es ihm ab. Später nennt er dieses Bild bei Facebook die „Harzer Wand“. Klingt gut. Passt auch noch so gut zum Mythenharz. Nicht wenige haben das Bergtheater von der Atmosphäre her schon mit der Berliner Waldbühne verglichen. Und die ist bei Musikern bekanntermaßen ziemlich beliebt (übrigens zurecht, wie ich finde). Für Flachländer zählt unser bissl Berg schon als hochalpin, gesteht er. Das gebe fiese Probleme mit der Atmung. Dazu kommt noch ein Bassist mit Höhenangst. Dagegen gabs dann wohl – Achtung, Harz-Productplacement – ein paar Tropfen Schierker Feuerstein. Nur dem Drummer gehts gut – der ist aus Österreich und fühlt sich wie dahoam. Na Gottseidank, irgendwer muss ja hier auch ein Konzert über die Bühne bringen. Laute Lacher auf den Rängen. Schon die ersten Worte – und da hat Johannes Oerding noch keinen Ton gesungen – klären die Sympathiefronten. Uns als Publikum gibt der Sänger klare Anweisungen: „Wenn euch kalt ist, steht auf, trinkt, tanzt, habt Spaß – macht was ihr wollt“. Oach, da wird sich schon was finden.

Turnstunde mit Johannes Oerding

Zur Einstimmung tritt Lotte alias Charlotte Rezbach auf. Eine junge (das sieht man) Wahlberlinerin (das hab ich recherchiert), die ziemlich ruhige Töne anschlägt, allein mit ihrer Stimme und Gitarre. Das macht sie gut – unaufgeregt, souverän. Sieht auch der Star so und lobt seinen Eröffnungsact später. So ganz allein, das is die Champions League der Bühnenmenschen. Das Publikum teilt seine Meinung – Lottes CDs sind am Ende jedenfalls ausverkauft. Ich wollte keine kaufen, daher hält sich das persönliche Dilemma zum Glück in Grenzen. Der ganz große Applaus bleibt natürlich für Oerding und seine vierköpfige Band. Der Frontmann tut einiges dafür – er rennt, tanzt, springt, flachst mit Fans und Bühnenkollegen, geht in die Knie. Turnstunde mit Johannes Oerding. Mal mit tiefer, mal mit überraschend hoher Falsettstimme. Prince (wer auch immer möge ihn selig haben) wäre stolz! Dabei geht es zwischen Pop, Rock und Funk überraschend vielseitig her. Der Tourname gibt es vor: geträllert werden überwiegend Songs aus dem aktuellen Album. Neben eigenen Titeln wirft Oerding immer mal kurze Cover ein: James Brown ist dabei, Santana und auch Nirvana. Schon beim dritten Track „Nie wieder Alkohol“ animiert er uns, den Refrain zu übernehmen. Mutig, denke ich – klappt aber. Oerding scherzt rum, dass der Song nach seinem letzten Thale-Auftritt entstanden ist. Okay, zuviel, das nehm ich ihm natürlich nicht ab. Andererseits ne Steilvorlage, die Fans der jeweiligen Konzertstadt zum Kreischen zu bringen. „Wooooow, WIR haben ihn zu einem Song inspiriert?!!“

Thaler? Thalesen? Thalerer?

Er wird nicht müde, sein Publikum abzuholen und anzusprechen. Dann kurze Verwirrung. Als Norddeutscher weiß man schließlich nicht zwingend, wie die Einheimischen sich hier nennen. Ob wir Thaler sind. Bitte, Thaler?! Timm Thaler oder was?! Oerding hat noch mehr Vorschläge: Thalerer? Thalesen? Johannes Oerding im Land der Thalesen. Nur für den Fall, dass es unklar sein sollte: wir sind natürlich Thalenser. Wobei Thalesen schon irgendwie interessant klingt. Wenn man ein Faible für kleine chinesische Hunderassen hat zumindest. Wir Harzer sind ja hilfsbereit – aus den Reihen bekommt der Sänger prompt den richtigen Tipp. Dabei finden sich an diesem ersten Konzertabend nicht allzu viele Thalenser unter den Fans. Ein BMW-Händler aus Oschersleben (verdammt, nichtmal der ist aus Thale) hat das Event mit Unterstützung der Initiative „Kultur für die Region“ übernommen und einen Großteil der Karten an Mitarbeiter und Kunden vermittelt. Die kamen aus allen Teilen Sachsen-Anhalts, aber auch aus Berlin, Hamburg, München. Ernsthaft, ich habe jemanden aus München getroffen! Nur die Thalesen haben zuhaus noch ihre Bergschuhe geputzt, weil der Hamburger Nikolaus am nächsten Tag nochmal Thale im Konzertkalender stehen hatet. Frage mich kurz, ob JO bei seiner aktuellen Tour womöglich ein paar Großstädte vergessen hat. Einige Besucher hatten Bedenken, dass das der Stimmung schaden könnte. Ich auch. Egal, home is, where the Harz is! Letztlich waren die „gekauften Fans“ dann auch ganz gut drauf, sodass die Stimmung nochmal mit nem wirklich hübschen, blauen Auge davonkam. Aber machen wir uns nichts vor: Wenn heute gut ist, muss morgen grandios sein.

Der Berg tanzt

In „Einfach nur weg“ durfte die Wand den Meister wieder unterstützen. Immer wieder ließ er uns im lauten „Ohohoh“-Chor höher und noch höher singen und provozierte offen den Wettbewerb mit vorherigen Konzertstädten wie Berlin, Dresden oder Rostock. Das hat vor ihm bestimmt noch kein Künstler gemacht! Funktionierte aber wie immer bestens. Mit Quedlinburg oder Halle hätts gleich nochmal ne Ecke besser geklappt, hätte ihm vorher ruhig mal wer sagen können. Wobei, wir hatten ja schon festgestellt, dass das überwiegend ein Touristenkonzert ist. Zwischendurch kommt mir kurz der Gedanke, ob der Typ wirklich hier ist, um seine Lieder zu promoten oder einfach ’nen gemütlichen Abend mit Freunden verbringt. Wenn diese Stimmung aufkommt, macht der Künstler augenscheinlich nicht so ganz viel falsch. Der Berg tanzt. Nicht nur bei „Jemanden wie dich“. Und schwenkt seine Arme im Takt wild hin und her („Turbulenzen“). Wobei diese Konzertgeste in meinem Fangirl-Herzen natürlich „Never let me down again“ von Depeche Mode vorbehalten bleibt.

Alles brennt

Jetz isses soweit. Mein Gruselmoment. Witzigerweise zeitgleich für locker 90 % aller Anwesenden der Höhepunkt: der Titelsong. Erwartungsgemäß sorgt „Alles brennt“ für ein neues Maximum an Stimmung. Hätte ich doch nur einen Feuerlöscher. Ich überlege, ob mir die Flucht gelingt. Aktuelle Position: ganz unten an der Treppe – meine Flucht kann ich also getrost vertagen. Ein paar Stufen sinds nämlich, eh man wieder oben am Ausgang ist. Also Ohren zu und durch. Und dann isses auf einmal halb so wild. Durch A-Capella-Einlagen der Zuhörer gewinnt der Nervtitel irgendwie nochmal neuen Charme. Zumindest schraubt das die Flammenhymne für mich auf ein erträgliches Maß. Songs, die so oft und lange durch Radio und Charts geistern, habens ja auch nicht leicht. Die fragt ja vorher auch keiner. „Tage wie diese“ von den Toten Hosen wär bestimmt auch lieber ein lässiger Rocksong geworden, als eine themenübergreifende Pseudohymne, die von Ansbach bis Zeitz in jedem Partykeller und Sportstadion gegröhlt wird.

Traurig aber wahr

Meine Nachbarn für die letzten Lieder sind gut drauf: Die 58-jährige Frau P kannte vorher auch nur einen Titel und wurde (entgegen aller Klischees) von ihrem Mann Klaus mit Mühe und Not auf den Berg überredet. Jetzt tanzen wir hier beide. Sie ähnlich angetan wie ich, weil der Kasper auf der Bühne „sooo gut singt und sooo witzig ist“. „Wo wir sind ist oben“, singt Oerding und hat in Anbetracht seiner Bühne im wahrsten Sinn des Wortes recht. Zwar geht es dahinter nicht, wie er meint, „vier Kilometer in die Tiefe“, aber ein bisschen Herr der Ringe-Magie is da schon im Spiel. Nach zwei Stunden und 19 Titeln mit vier Zugaben entlässt Oerding sein Publikum, das – er hat es überprüft – zwischen acht und 70 Jahren alt ist. JO ist also nicht nur bei Frau P und mir beliebt. In „Traurig aber wahr“ singt er zwar, dass das Ende am Anfang leider nie vorhersehbar ist. Hier hab ichs aber nach den ersten Minuten beinah schon geahnt: Live – kann er, der Oerding.

 

* Heute mal kleine Zeitreise zurück. August 2016. Ein verspäteter Konzertbericht. Notizen sei Dank.

No Comments Yet.

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *