Howdy – Line Dance für Anfänger

Es gibt ja so Dinge, denen man immer eine gewisse, stille Bewunderung abringt. Aber selbst wagen – dafür reicht’s dann irgendwie nicht mehr. Das beschreibt dann schon ganz gut, wie ich zum Standardtanz stehe. Ein, zwei Aufwärmtitel brauche ich immer – rein optisch haben die mit Tanz übrigens noch nicht wirklich viel zu tun. Und dann wär‘ da noch der Zufall, der einen manchmal in diese Ecken treibt, die man aus freien Stücken niemals (niemals!) auf der Marschroute hätte. Genau so bin ich neulich beim Line Dance gelandet. So richtig. Mit selber Ausprobieren und so. Okay, nur so halb – ich hatte weder Cowboystiefel, noch ’nen ordentlichen Hut auf. Meine Sachkenntnis in Sachen Line Dance war bis dahin überschaubar. Manchmal sieht man solche Tanztrupps ja bei Stadtfesten. Ich muss spontan an meine Freundin Jane denken. Ich glaube, sie kennt sich da besser aus. Oder hat sogar selbst mal getanzt? Ich werd‘ es erfahren, sobald sie diesen Text gelesen hat. In Reihe tanzende Westernfans, soviel weiß ich. Muss reichen, um auf dem Parkett des Kaiserhofs zu bestehen.

Nicht steppen, ich bin unwissend

Der 1. Country Club Quedlinburg feiert sein 15-jähriges Bestehen mit einem Countryfest und ich bin fest gewillt, die Fragezeichen über meinem Kopf in waschechtes Line-Dance-Wissen zu verwandeln. Ich muss kurz schmunzeln, weil Fragezeichen naturgemäß krumm und schief sind, beim Line Dance aber meistens schnurgerade Reihen tanzen. In der Pölkenstraße laufe ich an einem selbstgebastelten Wegweiser vorbei. Sowas machen nur gute Menschen, denke ich. Wer malt heute schon noch kleine Bilder (Boots und Cowboyhut) auf Schilder? Das ist wie die „Liebe ist …“-Zeichnungen. Mit weniger Liebe, aber umso mehr John Wayne. Schon am Eingang bin ich von Westernhüten und Cowboystiefeln (das scheinen die unangefochtenen Favoriten in der Countrysymbolik zu sein) umzingelt – nicht steppen, ich bin unwissend. Bei aller Toleranz muss ich gestehen, dass ich einen eher kläglich gefüllten Saal erwartet hatte. Denkste. Rappelvoll, die Bude. Das hat aber offensichtlich nicht nur mich, sondern vor allem die Veranstalter selbst überrascht. Spricht ja für ihre Bodenständigkeit, denke ich mir.

Howdy - Line Dance für AnfängerVon Cowboys umzingelt

Drinnen nimmt die Anzahl der Hüte übrigens erwartungsgemäß nicht gerade ab. Ich ärgere mich, dass in meiner Sammlung noch kein passendes Exemplar vorhanden ist. Die nächsten 10 Minuten laufen gefühlt bei jeder Vereinsfeier gleich ab: Hektisches Gewusel und nackte Panik beim Eröffnungsredner. Offensichtlich sind die Jubilare nicht sehr zuversichtlich, was ihr Fortbestehen angeht. Okay, Vereinssterben, fehlender Nachwuchs … kennt man ja. Der Tenor ist trotzdem etwas zu skeptisch für meinen Geschmack. Naja, zumindest heute Abend gibt es den Verein erstmal noch.

Sirtaki Line Dance mit Elvis

Wer bis dahin nichts mit Line Dance anfangen konnte, bekommt spätestens jetzt beim Medley aus 15 Tänzen eine Ahnung. Charleston, Cha-Cha-Cha und Sirtaki in Linien. Genau, diese berühmte griechische Melodie. Ich schwanke zwischen Faszination und Erschütterung. Naja, Erschütterung ist ein bisschen arg dramatisch. Es ist gewöhnungsbedürftig. Griechischer Wein wär‘ jetzt gut. Aber ein Glas Cola tut’s auch. Weil ich es im Anschluss selbst probieren will – muss, das Lokaljournalistendasein will es so – schaue ich genau hin. Sieht machbar aus. Muss ich dann nur noch meinen hölzernen Pinocchio-Beinen erklären. Wiederholen die Schritte sich etwa? Zu meiner Verteidigung: Allein bin ich eine ziemlich ordentliche Tänzerin. Beim Standard hat man mir schon in der Jugend keine Chance gelassen: Als der obligatorische Tanzkurs in Quedlinburg Halt machte, wurde ich bereits nach Thale verschifft. Dort hat man sich allerdings schon ein Jahr früher, nämlich in der 9. Klasse, um die Rhythmus-Skills seiner Schüler gekümmert. Irgendwann. Tanzkurs für Erwachsene. Ich werde berichten.

Alles eine Frage des Alters?

Tanz Nummer sieben, Rock ’n’ Roll. Elvis. „Jailhouse Rock“. Auf der Bühnentreppe sitzend, fangen meine Füße wie von selbst an, sich aufzuwärmen. Bestimmt ein gutes Zeichen. Langsam kommen wir meinem Musikgeschmack näher. Die Vereinschefin hat erzählt, dass ihre Truppe im Schnitt 60 Jahre alt ist, auch die Gäste senken die Zahl nicht wirklich. Ich fange an zu verstehen, warum hier jeder Angst hat, dass das das letzte betanzte Jubiläum ist. Während meine Füße immer noch zappeln, jetzt zum Twist, frage ich mich, ob Line Dance nicht genauso gut zu jüngeren Menschen passt. Mit der richtigen Musik vielleicht? Es gibt da dieses eine junge Paar. Mit 23 und 17 Jahren fällt man hier zwangsläufig auf, das ist auch Daphne und Kevin klar. Der Beginn unseres Gesprächs wird direkt torpediert: „Ahhh, das ist einer unserer Lieblingstänze, dürfen wir nochmal kurz verschwinden?“ Klar, wer so höflich fragt, zumal ich ja diejenige von uns Dreien bin, die was will … Ich hab‘ sowieso kurz was Anderes zu erledigen: Laut lachen. Der Abend ist nämlich noch gar nicht mal so lang und ich wurde bereits zum dritten Mal für einen Countrysong stehen gelassen. Nur, damit wir mal die Machtverhältnisse geklärt haben: Country 3, Jenka 0.

Knallen muss es

Nachwuchsprobleme, wie sie den CCQ plagen, kennen auch andere. An dieser Stelle schöne Grüße an ungefähr alle Vereine dieser Welt. Wo genau das Problem liegt? Zu sagen, Countrymusik ist altbacken, ist vielleicht ein bisschen dünn argumentiert. Bud Spencer und Terence Hill mag schließlich auch jeder zwischen 9 und 99 Jahren. Aber Jugendarbeit klappt eben immer nur so gut, wie man gezielt daran feilt. Ob musikalische Vielfalt beim Line Dance wirklich gewollt ist – da scheiden sich die Country-Geister. Für’s Protokoll: Bis auf verschwindend wenige Ausnahmen bin ich auch kein Fan von Westernmusik. Omi Ursel, sei mir nicht böse – aber Tom Astor macht nun wirklich keine Musik für achtjährige Mädchen. Also junger Adler, flieg bitte weiter. Für viele, auch Thomas, ist Line Dance untrennbar mit dem Western-Stil verbunden. Er schwärmt, ohne Luft zu holen: „Das Knallen der Stiefel auf Holzboden – unvergleichlich.“ Merke: Knallen muss es und Turnschuhe und Popsongs fetzen nicht.

Erwarte das Unerwartete

Auf der Tanzfläche schwingt jemand mit Langstock das Tanzbein, ansonsten genau wie die anderen Tänzer. Bernd sieht wegen einer Sehbehinderung gerade soviel, wie ich auf einem unscharfen Foto. Mit speziellem Aufsatz bedient er sein spezielles Handy und zeigt mir ein Vergleichsbild. Ich bin beeindruckt. Manchmal passiert eben das Unerwartete. Auch auf der Bühne: Bobby, die Vize-Chefin, erzählt mir von einem Auftritt (richtig, auf einem Stadtfest). Eine Tänzerin vor ihr stolpert beinah über eine Lautsprecherbox. Mit Mühe kann sie sich halten – leider an der Bluse von Bobby, die daraufhin um ein paar Knöpfe erleichtert wird. Nur für den Fall, dass jemand denkt, Line Dance würde Langeweile bedeuten.

Prokrastination gegen Profis

Aus allen Richtungen kommen inzwischen Leute in den Mittelgang, fangen ohne Absprache an, synchron zu tanzen. Da ist sie wieder, meine stille Bewunderung. Ob man die Musik mag oder nicht – sowas ist cool. Christiane erklärt mir, dass genau das ein Vorteil beim Line Dance ist: Die Schrittfolgen sind vorgegeben und wiederholen sich innerhalb eines Tanzes. Kennt man den Tanz, weiß man, was in der Gruppe zu tun ist. Weltweit gibt es mehrere zehntausend Tänze. Naja, soll ja Leute geben, die gut im Auswendiglernen sind. Und solche, die gut prokrastinieren können. Ich zum Beispiel. Eigentlich sollte ich längst in der tanzenden Meute stehen und mein tänzerisches Können ausbauen. So recht kann mich DJ Wild Horse Frank aber mit seinem Workshop nicht abholen. Mag auch am Namen liegen. Gibt es da bei DJs eigentlich ein ungeschriebenes Gesetz, das fragwürdige Künstlernamen und Regenbogen-Visitenkarten vorschreibt? Während ich darüber nachdenke, drücke ich mich weiter vor meiner Line-Dance-Premiere. Außerdem versorgen mich Christiane, ihr Mann Karsten und Kumpel Thomas (der mit dem Stiefel-Knallen) gerade so schön mit Infos. Auf der Tanzfläche schwirren mir ohnehin zu viele Profis unter den Anfängern rum. Der Stolz, Sie verstehen. Das geht mir alles zu schnell.

Howdy - Line Dance für Anfänger

Highnoon mit Holiday Shuffle

Als ich höre, dass zur Reportage definitiv ein Foto von mir gehört (natürlich auf der Tanzfläche inmitten aller Linien-Dompteure), hat es sich ausprokrastiniert. Verzweifelt suche ich mir Verbündete. Wäre das hier ein Westernfilm, wäre es jetzt 12 Uhr mittags und dieses eine vertrocknete Pflanzenbüschel würde durch die verlassene Geisterstadt rollen – getragen vom pfeifenden Wind, versteht sich. In einem Schnellkurs an der Seite zeigt Thomas mir die ersten acht Schritte des „Holiday Shuffle“. Okay, der Name des Tanzes fetzt doch schonmal. Was vorhin noch leicht aussah, ist für Hirn und Hüfte eine unglaubliche Herausforderung. Links, rechts, Hacke, Spitze. Falsch, umgekehrt. Und nochmal. Was mein Kopf sagt, kapieren meine Füße einfach nicht so schnell. Oder umgekehrt. Oder beides. „Jetzt das Ganze locker aus der Hüfte!“ Ach Thomas. Frag doch in zwei Wochen nochmal – dann klappt das vielleicht. Und so lange wollte ich ja gar nicht hier bleiben. Wäre ich Thomas – ich hätte den Lehrauftrag sofort wieder hingeschmissen. Doch meine persönlichen Jedimeister sind geduldig. „Nun die nächsten Schritte.“ Ach Thomas. Auch das wird nichts. Man muss sich kleine Ziele stecken. Offensichtlich bin ich Line-Dance-Realist. Beim Tanzen kann man ja soviel über sich selbst erfahren. Für ein Foto wird’s reichen.

Paartherapie für Kopf und Füße

Christiane begleitet mich in’s Getümmel. Die Shuffle-Schritte passen natürlich überhaupt nicht zu dem, was der Rest des Saals grad tanzt. Naja, einfach mal gegen den Strom zappeln. Dass ich meine Hände locker in die Hosentasche stecken soll, hilft ungemein. Sieht fast aus wie Line Dance. In Slow Motion. Schade, dass meine Stiefel nicht so laut knallen – zwischendurch möchte ich vor Verzweiflung gern laut auftreten. Kopf und Füße sollte ich dringend zur Paartherapie schicken – die kommunizieren offensichtlich viel zu wenig miteinander. Es braucht ein paar Wiederholungen, bis ich den Dreh raus habe. Jetzt sitzen die Schritte langsam und selbst mein Sprung sieht ganz passabel aus. Jetzt kann ich das Gebäude stilvoll verlassen – mit einem Schlusssprung, ohne lauten Knall, aber immerhin auch ohne Beinbruch. Das war ja im Vorfeld auch nicht garantiert.

 

Fotos im Text: Marko Heiroth

 

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