Herwart lässt grüßen und sagt, es tut ihm leid

Lesezeit: 5 min

Aufgeschoben ist nicht aufgehoben, es gilt noch ein Ereignis vom Jahresende auszuwerten: Der 18. November kam und mit ihm der Harzlauf. Im Intro hatte ich bereits angekündigt, dass das hier und da eine spannende Sache wird. Hier, weil „das Bodetal seine eigenen Wettergesetze hat“ (sagen die Organisatoren, sie haben recht). Der harsche Herbstlaub-Herumwedler Herwart hat den Jubiläums-Harzlauf (halbes Jahrhundert, Baby!) zum ursprünglichen Termin Ende Oktober schließlich schonmal in die Knie gezwungen. Da, weil das Lauftraining und ich eine dieser nervigen On-/Off-Beziehungen führen. Eher off, versteht sich. Die harten Fakten: Kein Sturm. Zugegeben, das ist nur ein Fakt – dafür aber der wichtigste von allen (sagen vermutlich auch die leidgeprüften Organisatoren).

Harzlauf-Märchen

Auch wenn ich im Deutschunterricht mal irgendwann was vom Spannungsbogen gehört hab‘, spoilere ich kurz: Dieses Märchen hat ein Happy End. Vor ein paar Wochen habe ich in „Oma lässt grüßen und sagt, es tut ihr leid“ gelesen, dass Weihnachtsmärchen von allem etwas enthalten, mit allen Stiften geschrieben seien. Und am Ende – klar, da wird sowieso alles gut. Ganz sicher gilt das auch für Herbstmärchen. Der Harzlauf war im Grunde – wenn man’s denn so sehen will – auch eine Art Märchen. Wie bei der schwedischen Oma von Autor Fredrik Backman gab es hier Ritter und Monster. Und vor dem Start die obligatorische „Hauptsache-es-geht-jetzt-endlich-los“-Stimmung. In meinem persönlichen Fall garniert an Kopfschmerzen mit dem Aufstehen.

Kleine Dopingsünden

Ich pfeife auf schlechte Omen und gehe selbstbewusst davon aus, dass eine Kopfschmerztablette mich bei ’nem Hobby-Gebirgslauf wohl kaum als Dopingsünderin enttarnen wird. Am Ende wird ja laut bekannter Märchenregel ohnehin alles gut. Lassen wir Firmenläufe und Hundesport mal außen vor, ist das mein erster Ausflug in die Wettkampfwelt der Hobbyläufer. Eine neue Ära also. Die auf heimischem Boden zu beginnen, dürfte ein gutes Zeichen sein. Heimat sticht Kopfschmerz, also herrscht mindestens Ausgleich bei den Omen. Als ich morgens – Countdown bis Start rund drei Stunden – meine Startnummer im Friedenspark einsammle, hummeln schon überall Helfer rum. Das ist auch Teil der „Hauptsache-es-geht-jetzt-endlich-los“-Atmosphäre, die fast immer und überall gut ist, weil sie verrät, dass gleich was Cooles passiert. Außerdem ist Thale in solchen Dingen ein Dorf – überall Plakate, Wegweiser, Kilometermarken oder Menschen, von denen man um ihre Teilnahme weiß. Meine Nichte L und ich haben die Sechs-Kilometer-Führung durchs Bodetal („Bodetallauf“) gebucht, die 12.30 Uhr starten soll. Zu der Zeit sind die Profis („Rosstrappenlauf“, 11,5 und 23 Kilometer) schon eine Weile unterwegs und im Park wächst die Zuschauerzahl. Ist ja im nass-kalten Herbst ohne Bilderbuch-Stadtfest-Wetter auch nicht so selbstverständlich.

Ritter ohne Rüstung

Beim Hexenpfützenlauf über 1000 Meter sehe ich den ersten Ritter ohne Rüstung. Die kleine H hat schon etliche Teilnahmen und diverse Siege auf dem Konto. Alter Hase mit 10 Jahren – muss man erstmal schaffen. Als ihrer Freundin unterwegs langsam die Kräfte ausgehen, zögert sie nicht eine Sekunde, drosselt ihr Tempo und klinkt sich bei ihr ein. Den Rest der Strecke absolvieren die Ladies im Doppelpack. Liebe Organisatoren, wo kann man hier eine Umbenennung der Disziplin in „Ritterlauf“ beantragen? Ritter Bodo spielt ja bei unseren Harzer Sagen und Mythen sowieso mehr als nur eine Statistenrolle.

Stimmen aus dem Jenseits?

Dann fällt unser Startschuss. Schon da freue ich mich auf den Zieleinlauf. Ganz grundsätzlich. Vor allem, weil der Präsidentenweg dann hinter uns liegt. Hier übrigens ein weiterer Antrag auf Namensänderung: Vorhof zu Hölle. Genug rumgeheult für diesen Absatz. Aber genauso, weil Ronny Große vom Bergtheater die Läufer im Ziel begrüßt. Bei der Musical Night hat mir ein Besucher verraten, dass er Ronnys Sprechstimme unheimlich angenehm findet. Da fiel mir auf: Geht mir genauso. Im nächsten Moment hoffe ich, dass er nicht auch dem Jenseits seine Stimme leiht. Hieße, wenn ich sie dennoch höre, für mich wohl nichts Gutes.

L und ich trennen uns relativ schnell und versuchen jeder, unsere Position zu finden. Da ich mich leider nie wirklich zu geduldigem Tempo zwingen kann, weiß ich schon am Anfang, dass mir gegen Ende die Puste fehlen wird, aber zum stilvollen Überleben reicht es immer.

Helden in Strumpfhosen

Unterwegs trifft man erwartungsgemäß auch auf die professionelle Läuferriege. Helden in Laufleggins. Und wenn ich in Gedanken – was man bei weniger gedanklicher Ablenkung übrigens an Energie einsparen könnte – zynisch auswerte, wie multifunktional deren Multifunktionskleidung ist, ist das ja auch nichts anderes, als der bekannte Spiegel, der einem vorgehalten wird. Wer gut trainiert, kommt gut durch – simple Gleichung. Im Gegensatz zu Trainingsrunden oder Hundetouren begegne ich den ganzen Harzlauf hindurch aber nicht einem Teilnehmer, der egozentrisch durch’s Bodetal schwebt, als würde die Strecke ihm gehören. Das haut mich schon unterwegs vor Begeisterung um.

Laufen mit Schneewittchens Stiefmutter

Obwohl ich an der Stelle noch nichts von Hs ritterlichen Taten weiß, nehm‘ ich sie mir zum Vorbild und versuche einen Jungen anzuspornen, der der Versuchung des Gehens erliegt. Ein echtes Monster, das wohl die meisten Sportler kennen … meinen Namen ruft es auch schon leise. Ein bisschen wie die böse Stiefmutter bei Schneewittchen – eben noch ’ne harmlose alte Krämerin, die dir nur Kleinwaren andrehen will und im nächsten Moment dein schlimmster Feind. L und ich sind inzwischen durch die Bode getrennt. Ich feuere sie trotzdem an und sorge mit ihrem Spitznamen (Rasputin) für schmunzelnde Gesichter. Gut, den Menschen noch ein Lächeln zu schenken, so kurz, bevor die Anlässe dafür aus topografischen Gründen knapp werden.

harzlauf_2017_jenka-flukeblog (3)Diskussion mit dem Berg

Der Fuß des Präsidentenweges ist erreicht und ich nehme mir vor, ihn wie bei der Generalprobe – wenn auch in SlowMo – zu bezwingen. Der Berg und ich diskutieren nur kurz. Er gewinnt. Am entscheidenden Tag fehlt mir einfach die Kraft für den holprigen Anstieg. Geht scheinbar nicht nur mir so: Während ich mich hochkämpfe, bin ich fast ausschließlich von Menschen in Schritttempo umgeben. Irgendwie auch beruhigend. Und es verrät, wie geeignet der Harzlauf eben trotzdem für jede Art von Leistungsniveau ist. Denn: Irgendwie, irgendwann, komm‘ ich oben an (dieser Reim war rhetorisch unbeabsichtigt und ist gar nicht mal so schön). Als ich der Fünf-Kilometer-Marke meine Erleichterung kundtue, hat ein anderer Teilnehmer motivierende Worte für mich parat. Er ist sicher ’ne ganze Ecke älter und definitiv fitter als ich. Ein paar Meter unseres Weges teilen wir lächelnd. Wo es hoch geht, geht es auch runter – hier jetzt wieder mit einem richtig guten Gefühl.

Besser als jeder Mentaltrainer

Nass-frostiger Boden reißt die Geschwindigkeit da zwar auch nicht mehr hoch, aber der schlimme Teil ist geschafft. Mit seiner Psyche im besten und schlechtesten Sinne muss sich ja vom Stümper bis zum Profi unterwegs jeder auseinandersetzen. Fragt mal Mentaltrainer, wie die ihr Geld verdienen. Die letzten Meter um den Friedenspark laufen sich fast von selbst. Letztes Aufbäumen und so. Unterwegs überlege ich kurz, ob sich das nur so anfühlt, weil ich mich langsam in meine Turnschuhe und sonstigen Bestandteile auflöse. Der letzte oder vorletzte Streckenposten holt mich in die Realität zurück, als er meine Läuferrotte abklatscht und anfeuert. Solche Streckenposten fetzen. Auch beim Hundesport, weshalb ich mich jedes Mal freundlich bedanke.

harzlauf_2017_jenka-flukeblog (1)Katze auf dem heißen Blechplatz?

Am Ende stehen 40:33 Minuten Laufzeit – wenig begeisternd, aber genauso wenig überraschend. Siehe oben: Wie’s in den Wald reintrainiert, schallt’s auf der Stoppuhr eben auch wieder raus. Der schnellste Läufer an diesem Tag ist 20 Jahre älter und fast 20 Minuten schneller. L kommt zwei Minuten später ebenso abgekämpft und erleichtert über die Ziellinie. Dass das in meiner Altersklasse für den vierten Platz reicht, ist dann doch ’ne Überraschung und (zumindest heute) Ansporn genug, nächstes Jahr mal auf dem Treppchen vorbeizuschauen. Bis dahin gebe ich erstmal voller Stolz die Katze auf dem heißen Blechplatz. Der Trostpreis ist allerdings ziemlich cool: Jeder Teilnehmer bekommt eine Medaille der Glasmanufaktur Harzkristall. Mit Harzlauf-Motiv. Ein Hoch auf altes Handwerk!

Unsere Teilnahme 2018 ist auf jeden Fall gesetzt. Ich mag nämlich Märchen. Nicht nur zu Weihnachten.

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