Harold und Maude im Theater:
Es ist Liebe!

Richtig heißt es eigentlich #Es_ist_Liebe. Und ich spreche noch nicht von den Titelhelden Harold und Maude. Eher vom Theater und mir. Das Nordharzer Städtebundtheater hat sich zur Jubiläumsspielzeit nämlich ’nen Jubiläumshashtag spendiert und der passt zweifelsfrei. Der erste Theaterbesuch seit (gefühlt 100 und reell immerhin auch locker +10) Jahren hat mich Ende Februar zur ausverkauften Premiere von Harold und Maude geführt. Harold und Maude. Ein Mix aus schwarzer Komödie und Therapiestunde aus der Vogelperspektive. Ein britischer Film von Hal Ashby, der 1971 einfach mal alle auf die Palme gebracht hat. Auch die Zuschauer. Aber leider nur auf die Palme und nicht sonderlich zahlreich ins Kino. Harold ist 19, als er sich in Maude verliebt. So richtig verwirrend-ehrlich und trotzdem unschuldig. Maude trägt zu der Zeit schon 79 Jahre geballtes Leben mit sich rum. Skandal (damals). Immer noch irgendwie komisch (heute). Inzwischen gehört es mindestens unter Studenten zum guten Ton, den Film zu gucken – rehabilitiert und als Kult gebrandmarkt sozusagen. Ein Erfolg auf Raten … und auf Brettern. Für die Bühne wurde Colin Higgins‘ Geschichte nämlich schon unzählige Male adaptiert, jetzt auch im Harz.

Quedlinburg, Neue Bühne, Schwarze Komödie "Harold und Maude", Inszenierung Philip Jenkins, Ausstattung Wiebke Horn, Nordharzer Städtebundtheater<br /> Urheberrechte/ © Jürgen Meusel,<br /> Tel.: 039483/ 95951 oder 01702445977,<br /> Mail: meusel-foto@t-online.de,<br /> Harzsparkasse, BIC: NOLADE21HRZ<br /> IBAN: DE38 8105 2000 0401 1281 56<br /> Veröffentlichung nur mit Urhebervermerk "Foto: Jürgen Meusel", Belegexemplar erbeten, es gelten meine AGB

Optimismus trifft Weltschmerz | Foto: Jürgen Meusel

Zeitraupe Nimmersatt auf der Chinesischen Alltagsmauer

Bevor die Glocke dreimal läutet, verschafft mir Dramaturg Sebastian Clar noch einen Einblick in die Ritualwelt Theaterschaffender: Viel Glück? Alles Gute? Brechen Sie doch den Darstellern gleich die Beine! Im Theater wünscht man sich vor der Aufführung Toi! Toi! Toi! und spuckt über die linke Schulter. Der Hygiene-Aufschrei kann ausbleiben – Letzteres natürlich nur im Geiste. Ich finde übrigens, dass das Theater (wo aus nichts so viel entsteht) ein hervorragender Ort für Bräuche ist. Fügt sich auch bestens in die Atmosphäre … wenn das Foyer sich langsam mit Zuschauern (manche noch traditionell in hübschen Abendzwirn gepellt) füllt und hinter der Bühne (ein Hoch auf offene Türspalte) hektisch letzte Handgriffe fallen. Mit Scham und Schande fällt mir schon vor dem Abdunkeln des Saals auf, warum Theater so toll ist. Und warum es so idiotisch ist, nicht häufiger hier zu sein. Ist ja nicht so, dass es an interessanten Stücken mangelt. Scheint ein Alltagsreflex zu sein: Was schön ist, landet ständig auf der Bank, die so lang ist wie die Chinesische Mauer, während nervige Dinge sich wie eine Raupe an der eigenen Zeit sattfressen.

Die Fußstapfen sind so schön speziell

Jetzt wird es spannend. Ist ja schließlich wie ein Buch, das verfilmt wird. Nur andersrum. Der Film ist Teil meiner DVD-Sammlung alter Schinken und ich mag ihn wirklich gern. Er ist so schön speziell. Mit Ruth Gordon und Bud Cort hab‘ ich zwei Hauptdarsteller felsenfest vor Augen, die das Ensemble erstmal verdrängen muss. Regisseur Philip Jenkins vertheatert den Film in zwei Akten. Von der Vorlage hat er sich absichtlich nicht übermäßig leiten lassen, erzählt mir Sebastian Clar.

Außenseiter, Spitzenreiter

Curdin Caviezel spielt den bizarr-gutmütigen Harold Chasen, der selbst die sattesten Nerd-Klischees in die Ecke stellt. Permanent inszeniert der Außenseiter Selbstmorde und besucht wildfremde Beerdigungen – übrigens weit häufiger, als ich das Theater. Schuld ist wie so oft eine Frau, deren Aufmerksamkeit her soll: Seine nervige Helikopter-Mutter (Julia Siebenschuh), die viel von Dekoration, aber dafür umso weniger von Feingefühl und Mutterliebe versteht – eine äußerst unglückliche Mischung. Rebellion ist halt noch immer die schärfste Waffe Jugendlicher in der Pubertätsschlacht.

Gestatten: Robben Hood

Helga Wahrlichs Maude ist zwar genauso wenig Gesellschafts-Mainstream wie Harold, aber trotzdem – nicht nur laut Ausweis – das ganze Gegenteil. Eine optimistische Hippie-Oma, die Bäume und Robben rettet, Autos klaut und Gerüche sammelt. Robin Hood trifft Jean-Baptiste Grenouille. Auf all ihren Idealen und Weisheiten reitet sie so durch die Welt, unbekümmert und angenehm wenig klugscheißerisch (habe kurz das Bedürfnis, mir an die eigene Nase zu fassen). Und weil es so eine schöne Kennenlern-Geschichte ist, trifft sie Harold auf dem Friedhof, wo sie für den kleinen Hunger zwischendurch gern mal Knabberzeug dabei hat. Kino, Beerdigung – der Unterschied ist marginal.

Eine Bühne voll nichts

Wiebke Horns Kulisse ist schlicht – bei zwei derart extremen Charakteren ist die Bühne aber vielleicht auch so schon voll genug. Es gibt nur zwei Wände. Die eine gehört zu Mrs. Chasen, ist bieder, geradlinig, streng. Die andere symbolisiert Maudes Wohnung und wirkt wie die Zwei-Quadratmeter-Version der Villa Kunterbunt; chaotisch, unangepasst, bunt. Ein Haustier hat Maude Langstrumpf auch. Nur wohnt hier statt Äffchen oder Pferd die Robbe Mr. Murgatroyd (Lisa Marie Liebler). Und irgendwie, trotz der vielen Farben, die im Verlauf des Stücks immer wieder aufploppen, sieht man sogar etwas von dieser gewissen Blässe, die britische Produktionen noch heute ein bisschen an sich haben.

Suizid-Knetmasse

Quedlinburg, Neue Bühne, Schwarze Komödie "Harold und Maude", Inszenierung Philip Jenkins, Ausstattung Wiebke Horn, Nordharzer Städtebundtheater Urheberrechte/ © Jürgen Meusel, Tel.: 039483/ 95951 oder 01702445977, Mail: meusel-foto@t-online.de, Harzsparkasse, BIC: NOLADE21HRZ IBAN: DE38 8105 2000 0401 1281 56 Veröffentlichung nur mit Urhebervermerk "Foto: Jürgen Meusel", Belegexemplar erbeten, es gelten meine AGB

Hauptsache, es schmeckt! | Foto: Jürgen Meusel

Das Publikum bekommt schon in der ersten Szene eine Idee davon, wieviel es die nächsten zwei Stunden zu lachen hat: Während Harold sich voller Inbrunst in einen Strick wirft, wird seine Mutter einfach nicht darüber fertig, dass ihr Sohn rote Socken mit braunen Schuhen kombiniert. Und steht da eine Vase nicht am rechten Fleck? Diese Mrs. Chasen wirkt so dermaßen affektiert, dass ich den Film tatsächlich nicht eine Sekunde mehr als Vergleichsbild heranziehe. So hysterisch, dass ich Mitleid mit Harold habe. Warum nochmal will er eigentlich sich und nicht die Alte umbringen? Niemand, der die Szenen sieht, könnte es ihm verübeln … Das Ding mit der Mimik hat Caviezel echt raus, vor allem die Suizid-Grimassen sitzen wie Knetmasse.

Hoch Maude breitet sich aus

Während der ewig unterdrückte Harold und Energiebündel Maude (Energiebündel Helga!) so Szene für Szene in ihre eigenwillige Freundschaft stolpern, frage ich mich kurz, ob er da nicht vom Regen in die Traufe gerät. Harold wirkt wie der Vernünftige und Maude wie das Kind, das man als Erwachsener gern wäre – immer der Nase nach, ohne Blick auf Konsequenzen. Eben Pippi Langstrumpf mit grauen Haaren. Ständig hat sie das letzte Wort – auch dem Pater und Inspektor gegenüber (unheimlich wandlungsfähig: Stefan W. Dick, der zudem den Seelenklempner mimt). Überrumpelt ihn. Stiftet ihn zu Blöd- und Leichtsinn an. Aber, obwohl er doch eigentlich so gern mit seinen morbiden Aktionen kokettiert, auch zu Optimismus und Leichtigkeit. Und nicht nur ihn. Das Publikum wird gleich mit eingesammelt, wenn es darum geht, die schlechten Seiten des Spießbürgertums zu entlarven. Das klappt wahrscheinlich deshalb so gut, weil die Hauptdarsteller und ihre Rollen so sympathisch und trotz aller ungewöhnlichen Eigenschaften so nahbar sind. Binnen weniger Tage kitzelt Maude aus Harold heraus, was die Zuschauer längst ahnen: Er ist gar nicht lebensmüde, er weicht bloß vorm Leben davon. Und zur Institution Leben hat Maude einiges zu sagen – was genau, erfährt man im Laufe der Aufführung.

Irgendwann fragt Harold Maude, ob sie nie Angst hat. Bei der Antwort kann man verstehen, dass die Gefühlspferde langsam mit ihm durchgehen:

Bekanntes kenne ich, Unbekanntes möchte ich kennenlernen!

Heiratswillige Damen-Drohnen

Wenn das mal nicht auch im Hier und Heute gilt! Das Mutterschiff entsendet zwar über eine Partnervermittlung noch drei heiratswillige Damen-Drohnen (sehr amüsant: Mona Luana Schneider, Swantje Fischer, nochmal Liebler), aber da hat Harold längst den Ring in Seniorengröße in der Hinterhand und sich von Mutti abgenabelt.

Quedlinburg, Neue Bühne, Schwarze Komödie "Harold und Maude", Inszenierung Philip Jenkins, Ausstattung Wiebke Horn, Nordharzer Städtebundtheater Urheberrechte/ © Jürgen Meusel, Tel.: 039483/ 95951 oder 01702445977, Mail: meusel-foto@t-online.de, Harzsparkasse, BIC: NOLADE21HRZ IBAN: DE38 8105 2000 0401 1281 56 Veröffentlichung nur mit Urhebervermerk "Foto: Jürgen Meusel", Belegexemplar erbeten, es gelten meine AGB

Dating- und Heiratsbasar nach der Chasen-Methode | Foto: Jürgen Meusel

Ist es die Nachtigall oder die Lerche?

Ende gut, alles gut … wäre da nicht dieser Tragödien-Einschlag á la Romeo und Julia: Maude hat schon vor geraumer Zeit beschlossen, dass ihr 80. Geburtstag der ideale Anlass zum Sterben ist. Einfach so. Gut gelaunt und grundlos. Konsequent wie sie ist, zieht sie das natürlich durch. Freier Wille eben. Im Filmsoundtrack besingt Cat Stevens das ganz gut. Zurück bleibt einer, der bis eben so gar keine Lust aufs Leben hatte, aber von Mauderöschen zum Glück rechtzeitig wachgeküsst wurde. Haben die Rollen also irgendwie die Rollen getauscht. Zum Finale stellt Jenkins aber sicher, dass das Publikum weiter lachen statt weinen darf.

Hashtag Theaterliebe

Wer trotz (oder wegen?) meiner Rumspoilerei Lust auf ’nen Theaterbesuch hat, sollte sich beeilen – vier der neun Vorstellungen in Halberstadt und Quedlinburg sind schon ausverkauft. Damit es noch schneller geht – bitte hier entlang.

Eines Tages geh‘ ich wieder ins Theater. Eines Tages ist übrigens der 6. Juli 2017. Weil: #Es_ist_Liebe.

 

 

 

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