Eine gute Partie

Ein Jahr lang habe ich mich auf die neue Quedlinburger Landpartie gefreut. Meine Premiere hat immerhin ziemlichen Eindruck hinterlassen. Dass mein rostbraunes, aber rostfreies Mifa-Rad seitdem keine weiteren Add-ons erhalten hat, ist diesem besonderen Alltagsphänomen geschuldet, dass man Dinge schon ewig weiß, sie aber doch immer so plötzlich kommen. Kennt ihr sicher von der einen oder anderen Sache. Noch so ein Phänomen: Nach jedem ersten Mal wird alles leichter. Obwohl das mehr Klassiker denn Phänomen ist. Gilt aber ebenfalls für die Landpartie. Dieses Jahr wusste ich, was passiert, kannte ein paar Leute und wusste schon um den besonderen Charme der nostalgischen Radrundfahrt. Noch dazu habe ich mit der 19 meine persönliche Lieblingszahl als Starnummer bekommen … das kann ja nicht weniger als ein gutes Zeichen sein.

Quedlinburger Landpartie 2017Der 80er-Hut

Dieses Jahr fühle ich mich wie Charles Ingalls. Das liegt an Vatis NVA-Hosenträgern. Und an meinem 80er-Hut. Der 80er-Hut ist eines meiner wertvollsten Stücke aus der Kategorie „keinen Cent wert, aber ideell – holla, die Waldfee“. Er ist zerlumpt und fleckig, gehörte aber Alfredo – meinem Opa, den ich nicht mehr kennenlernen konnte. Warum er heißt, wie er heißt, liegt nicht an seinem Alter sondern schlicht an Boy George und seinem bevorzugten Kopfschmuck anno 1983.

Mehrsprachiger Auftakt

Auf dem Marktplatz, die Fahrrad-Oldtimer und ihre Fahrer – das hier ist wirklich wie Fasching für Nostalgiker – haben gerade die Oberhand über das ausklingende Denkmalfrühstück gewonnen, werde ich von Herrn Molewski angesprochen. Einem Großvater. Muss der Hut sein. Aus seiner simplen Nachfrage, was es mit dem ganzen Budenzauber auf sich hat, entwickelt sich ein lebhaftes Gespräch. Erst auf Deutsch (er und ich), dann auf Spanisch (er und seine Enkelin), schlussendlich auf Englisch (seine Enkelin, er und ich). Paula ist Mexikanerin und genauso fasziniert wie Opa Molewski. Wie alle Touristen, die ich bisher gesprochen hab, sind die beiden hin und weg von Quedlinburg (wer will es schon mit weit mehr als 1000 Fachwerkhäusern aufnehmen). Verärgert sind sie nur über die große Bühne, die das Rathaus verdeckt. Kann ich ihnen nicht wirklich verübeln. Die Landpartie ist ihre persönliche Wiedergutmachung.

Fliegende Hüte

Dass wir unmittelbar nach dem Klingelzug zum Start den Schillingsberg hochmüssen, darf schonmal als Signal für weite Teile der Strecke gewertet werden. P, die beste Freundin meiner Schwester ist diesmal mit von der (Land-)Partie und hat an dieser Stelle eventuell erstmals bereut, dass sie mitgekommen ist. Das Wetter, vormittags noch wirklich aprilartig, hat inzwischen offensichtlich ein Snickers gegessen. Als wir auf dem Feldweg Richtung Westerhausen unterwegs sind, werden wir jedenfalls von Sonne begleitet. Wir, das sind wieder 45 große Radler und ’ne Handvoll kleiner. Mini-Menschen in alten Ausgehanzügen und Petticoat-Kleidern zu sehen, ist nochmal etwas cooler als bei der Eltern-Generation. Was wir noch haben, ist Wind in rauen Mengen. Unterwegs fliegt sogar ein Hut an mir vorbei (Fahrer und Flüchtiger wurden kurz darauf wiedervereint).

Kamel erklommen

Kurz vor dem Etappenziel, endlich mal wieder ein Berg. Ist sicher gut für die Sir-Edmund-Hillarysierung. Vorbei an den Weinbergen von Familie Kirmann, die kurz darauf eine Weinprobe veranstaltet. Wir sind am Königstein. Sagt aber kein Mensch. Im Volksmund heißt die Felsformation „Kamel“ (nomen est mal wieder omen). Die Picknickpause ist einer der schönsten Parts der Landpartie. Weniger wegen der Pause – auch wenn die absolut nicht schadet – als wegen der Atmosphäre. Hier zeigt sich, was gerade die Quedlinburger Runde so besonders, so familiär und anheimelnd macht. Mitfahrer, die auch in Oldenburg oder Tangermünde schon unterwegs waren, erzählen mir das immer wieder. Im Harz hat man schließlich kein Monopol auf Nostalgieradfahrten, dafür aber anscheinend ein gutes Händchen für deren Organisation.

Gruppenfoto der Quedlinburger Landpartie 2017

Hutbasar bei der Landpartie  (c) Chris Wohlfeld

Panzer und Pedaleure beim Picknick

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Nur für den Fall, dass ihr nicht wisst, wie ’ne Radlaufklingel aussieht, Kulturbanausen!

Noch dazu gibt es sämtliche Velos jetzt auf dem Präsentierteller – gemütlich zwischen Pausenbrot, Wein, Rhabarberlikör, Bratwurst und Kuchen. Thomas aus Köln zieht mich zu einem besonderen Exemplar – einem echten Panzer. Ein paar Panzerwitze später, erzählt mir Anja aus Lüneburg, was es mit ihrem Rad vom Fabrikat Panzer-Gaggenau auf sich hat. Erworben hat sie es als echte Schrottleiche, inzwischen ist es wieder mehr als ansehnlich. Es hat, was fast alle Räder hier mitbringen: Unheimlich tolle Details. Die Karbidlampe „Radsonne“, ein aufwendiges Steuerkopfschild und – insgeheim mein Highlight des Tages – eine Radlaufglocke. Was das ist, hab ich hier erst gelernt. Dass die Landpartie auch ’ne unheimlich bildende Angelegenheit sein kann, hatte ich ja im Vorjahr schon erwähnt. Eine gezogene Schnur zwischen Lenker und Klingelrad besorgt die Töne – ein klingelnder Dynamo quasi. Oder ein läutendes Hamsterrad. Anja, die auch über die Fahrradwelt hinaus ein Fan der vielbeschworenen guten, alten Zeit ist, verrät mir außerdem, dass sie Sütterlin schreibt. Hab ihr direkt mal den Floh ins Ohr gesetzt, dass wir nächstes Jahr ’ne Schiefertafel mitnehmen, die sie für das gemeinsame Fahrrad-Klassenfoto beschriften kann.

Perspektivwechsel

Postkarte der Quedlinburger Landpartie 2017

Eine Postkarte. Auf seidenmattem Papier. Rückseitig gestempelt. Und dann noch quadratisch. Ich werd‘ verrückt. (c) Chris Wohlfeld

Zurück geht es durch den Wald, meine Hunde-Hood. Die Perspektive ist eine andere auf zwei Rädern und ohne vier zusätzliche Beine, aber die Natur trotzdem unschlagbar schön. Daran kann nichtmal der Schotter was ändern. Allerdings ist jetzt mal wieder klar, warum Mountainbikes erfunden wurden. Inzwischen weiß ich übrigens schon: P hat ihre Teilnahme keineswegs bereut. War also durch und durch ’ne gute Partie.

Analoger Rad-Reminder

Die abendliche Party der Pedaleure muss ich mangels Zeit schwänzen. 2018 darf das nicht passieren. Die Organisatoren basteln nämlich schon jetzt an einem stilechten Radlerball mit dem DeLUXe-Orchester. Damit ich das nicht vergesse, pappe ich mir die Landpartie-Postkarte, die es dieses Mal gab, als analogen Reminder an die Pinnwand. Wenn mich jemand sucht: Bin dann mal auf’m Flohmarkt, ’ne urige Radlaufglocke ausfindig machen …

5 Comments
  • Barry
    September 15, 2017

    Ha❤ …wundervoll geschrieben… ich war auch dabei und empfinde es genauuu so…
    Das Gruppenbild… würde ich gerne auch in meinem Intagram Profil verwendèn @dasbisschenrost … wo und wie bekomme ich das go… ? Habt vielen Dank für den Beitrag und bis zum nächsten Jahr. Barry

    • Jenka
      September 17, 2017

      N’abend Barry, danke, schön zu hören, dass es nicht nur mir so geht! Bezüglich Gruppenfoto: In der Bildunterschrift ist Chris Wohlfeld als Rechteinhaber mit einer Mailadresse verlinkt – schreib ihn bitte einfach mal an.
      VG
      Bianca

  • Lutz Ulrich
    September 15, 2017

    Wir schicken gerne auch noch eine Postkarte von uns, zur Erinnerung.
    Musikalische Grüße,
    Das DeLUXe-Orchester

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