Ein ehrenwerter Berg

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„Mit 34 Buchstaben erschafft ihr eine Welt“, singen sie in Mary Poppins. Mit 19 Musicals scheint das auch zu klappen. Und 26 Hits daraus. Und sieben Hauptdarstellern, die sie auf den Berg bringen. Auf die Bühne, die Bühne meine ich natürlich. Die Bühne auf dem Berg. Bevor das Bergtheater am Sonntag in den Winterschlaf geschickt wurde, durfte es Samstag nochmal beim Wettergott um Trockenheit für die ausverkaufte Musical Night buhlen. Theoretisch weiß ich, dass Musicals lange nicht mehr nur Andre Lloyd Webbers Baustelle sind. In meinem Kopf hängt das aber theoretisch so drin. Die Programmliste ermahnt mich noch mal schnell, mich endlich umzugewöhnen. Allein Disney (Aladdin, König der Löwen, Tarzan), dazu diverse Bands oder Musiker und historische Persönlichkeiten melden inzwischen zurecht Ansprüche auf die Aufnahme in ein solches Best-of-Konzert an. Ich tu‘ mich ja schon mit wenigen Worten schwer – da will ich nicht in der Ausrichterhaut stecken, die einige wenige Stücke auswählen muss. Es sei denn: Wie wär‘s denn mal mit einem mehrtägigen Musical-Festival? Ein festical Musival, am besten inklusive Stoffbändchen und Zelten. Würde auch die Songauswahl erleichtern. Statt Dosenbier dann vielleicht Prosecco – den gibt’s ja ohnehin schon in Dosen.

Ein Spätsommernachtstraum

Gut, das ist Zukunftsmusik. Bleiben wir erstmal bei der „besten Spätsommernacht, die wir haben können“. Ein Spätsommernachtstraum also. Haben Bergtheater-Intendant Ronny Große und Enrico Scheffler versprochen. Beide singen, spielen und tanzen im Ensemble mit, führen aber quasi auch als Moderatoren durch die Musical Night. Das wird im Verlauf des Abends immer besser. Vor allem, wenn Running Gags um den Vorverkaufs-Rabatt für die nächste Musical Night (5. September 2020) entstehen. Oder wenn Enrico sich amüsiert, weil Ronny als „blinkendes Etwas nicht mit seinem Kostüm klarkommt“. Tjoar, während normale Züge mit der Einhaltung des Fahrplans kämpfen, hat der Starlight Express einfach kurzzeitig Beleuchtungsprobleme. Immerhin kann ich den Zugführer erkennen – dass Ronny Große diesmal freundlicherweise zwischen Kontaktlinsen und Brille wechselt, lässt mich das Bühnengeschehen tatsächlich ein bisschen entspannter verfolgen. Meine Treppennachbarin C. staunt, dass hier vom Polizeichor Multivokal über das Mini-Orchester Night Support & Friends bis zu den vielen hohen und tiefen inklusive wenigen schiefen Tönen drei Stunden lang alles live ist. Gut, ne?

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Dunkelheit trifft Drama trifft hohen Ton

Eines meiner persönlichen Highlights (Danke, Musical Night 2017 und, ähhm, Andrew Lloyd Webber) kommt gleich in der Mitte des ersten Teils: Das Phantom der Oper als Duett von Enrico Scheffler und Nadine Hammer. Es wär‘ ein bisschen platt und abgedroschen aus Nadines Nachnamen ein Attribut für ihre Gesangsqualität zu machen. Wenn’s doch aber nun mal stimmt … Ganz offensichtlich war sie in Wien (und auf dem Berg) nicht umsonst die Elisabeth. Habe ja damals schon festgestellt, dass die steinige Naturbühne hoch über Thale zwar nicht die Pariser Oper ist. Trotzdem scheinen das Phantom und der dunkle Berg wie geschaffen füreinander. Anmutige Dunkelheit und der hohe Ton. Gleiches gilt übrigens für Tanz der Vampire. Ist ja praktisch das Twilight der Musicalnerds. Gerade bei solchen Stücken ist es gnadenlos gut, wenn viele der Bergtheater-Ersttäter erst nach Sekunden bemerken, dass auf einmal nicht mehr nur die Bühne bespielt wird, sondern sich auf der dunklen Brücke oder am Turm ein kleiner Lichtspot regt, bevor ein Darsteller direkt vor der eigenen Nase langspaziert. Einer der Gründe, warum ich bei wirklich jeder Veranstaltung auf dem Berg – als Schreiberling tummele ich mich oft unten an einer der Seitentreppen herum – immer wieder nach oben gucke. Als Künstler hat man diese 19 Bergauf-Publikumsreihen Harzer Wand, wie Johannes Oerding sie treffend getauft hat, ja permanent vor Augen. Vielleicht das einzige Szenario, in dem ein steifer Nacken positiv ist. Nicht umsonst mausert diese Location sich mehr und mehr zur kleinen Konzertarena. Kuschelig wie ein Clubkonzert, aber mit Frischluft-Faktor.

Ihr habt Kevin Bacon gehört! (via GIPHY)

Mark Seibert

Mark Seibert für Musicalnerds

Mit dem Medley aus Mamma Mia wählt das Ensemble den gefühlt einzig möglichen Übergang ins weitere Programm. Unvorstellbar, dass es auch nur einen Menschen auf dem Planeten gibt, der mit der Musik von ABBA nichts anfangen kann. Bewahrheitet sich auch hier. Trotzdem will der finale Funke, der zum Aufspringen und ausgelassenen Tanzen animiert, nur schwer überspringen. Nehmt euch doch mal ein Beispiel an Footloose! Ich überlege kurz, ob hier vielleicht nur klassische Musical-Besucher sind, die sich denken: „Hmmm, im Stage Theater spring‘ ich ja auch nicht auf“. Vorsichtshalber hat’s Enrico Scheffler nochmal klargestellt: „Füßewippen zählt nicht!“ Wahrscheinlich waren alle so aufgeregt wegen des – neben Petrus zweiten – großen Stargasts: Mark Seibert. In der Musicalszene ist der praktisch sowas wie ein nationaler Ed Sheeran. Jedenfalls versehen mich Freunde (Musicalnerds) im Vorfeld euphorisch bis fordernd mit dem Auftrag eines Livemitschnitts. Illegale Mitschnitte, pfff – als ob ich sowas machen würde. Für ausreichend Lokalkolorit wollte man ihn eigentlich mit dem Besen einfliegen, schließlich hat er aber doch das Auto genommen. Und war gar nicht mal so sicher, ob er überhaupt auf dem Berg ankommt. „Als ich auf dem Navi Hexentanzplatz gelesen hab … und dann ging es auch noch so tief in den Wald“. Scherze für’s Publikum gehen immer. Der Bühnenstar hält, was er verspricht und erntet den verdient lauten Applaus für seine Auftritte.

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Ein ehrenwerter Berg

Zwischen ganz viel gesungenem Theater (Lés Misérables), Drama und Emotionen (Die Päpstin, Mozart, Elisabeth) kitzelt das freundschaftsbebänderte Wolle-Petry-Medley (Wahnsinn) das Publikum langsam in Feierlaune. Was willste auch machen, wenn du gefragt wirst, warum du jemanden in die Hölle schickst?! Tanzen, tanzen, tanzen zum Beispiel. Spätestens bei der Rocky Horror Show lässt man dir zum Glück ohnehin keine Wahl mehr. Wir sind ja hier nicht im Stage Theater oder der Oper. Nicht nur der Time Warp des Ensembles funktioniert, vor allem das Solo von Toby Partridge, der als Sweet Transvestite so richtig unverschämt mit den ersten Reihen schäkert, kommt gut an. Und rote Lackstiefel sind doch ein ganz hübscher Kontrast zum dunklen Wald. Zu Beginn des Abends waren Marie Matthäus, Nadine Hammer und Simone Neuhold alle Olivia Newton John, während Ronny Große, Enrico Scheffler und Toby Partridge den dreifachen John Travolta gaben. Zum Finale verbrüdern sie sich zu den Hymnen von und als Udo Jürgens (Ich war noch niemals in New York) und Freddie Mercury (We will rock you). Was zu beweisen war: Dies ist ein ehrenwertes Haus. Ein ehrenwerter Berg, Berg meine ich natürlich. Und: „Wenn es hell wird, wird diese Nacht Erinnerung sein“ (Cats). Achso: Wie wär’s nächstes Jahr mal wieder mit Kinky Boots? 2018 fand das leider ohne mich statt und ein Teil der Garderobe steht ja schon …

Fotos: Marko Heiroth

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