Dublin to go

Lesezeit: 5 min

Obgleich ich‘s mit Flugzeugen nicht so habe, hab‘ ich mich kürzlich mal wieder in die Lüfte geschwungen. Mit geschwungen meine ich, ich hab‘ meinen Körper in den Sitz gedrückt und gehofft, dass der Start – die Achillesferse all meiner Flugreisen – schnell geschafft ist. Noch auf festem Boden einzuschlafen klappt natürlich, egal, wie übermüdet ich an Bord gehe, nie. Sei’s drum – wer die Welt sehen will, muss tapfer sein! Wohin des Wegs, hat Rotkäppchen – wie so oft – spontan entschieden. Schön-Wetter-Tourismus ist was für Cluburlauber, Dublin stand schon länger auf der Liste und der günstige Ryanair-Flug, den ich zufällig entdeckt habe, hatte vielleicht auch damit zu tun.

Hier ist noch alles grün, was glänzt

Was ich bereits wusste: Dublin ist von Klischees so umhüllt, wie der Frankfurter Kranz von Krokant. Immerzu regnet es auf die Köpfe der allesamt rothaarigen Iren, die noch dazu schon vor dem Frühstück das erste Guinness intus haben. Wir werden sehen. Was in London rot ist, glänzt hier auf jeden Fall in Grün. Schließlich sind wir auf der grünen Insel. Busse, Briefkästen – der grüne Alltagszauber dürfte sich weltweit in diversen Urlaubsfotoalben wiederfinden. Frage am Rande: Stehen unsere blauen Straßenschilder oder gelben Briefkästen international eigentlich ähnlich hoch im Kurs?dublin_temple-bar_flukeblog

Kalkulierbarer Kitsch

Hier weiß man jedenfalls, was das gemeine Fußvolk aus aller Welt begehrt, wenn es in Scharen durch die Innenstadt pilgert. Kalkulierbares Risiko bei Städtereisen. Ein kitschiger Nippesladen reiht sich an den nächsten und selbst die gut sortierte Apotheke hat – neben so unspektakulären Produkten wie Aspirin – auch eine stattliche Auswahl an Ansichtskarten im Portfolio. Irgendwas mit Klee oder Guinness wäre gut. Oder Oscar Wilde. Und gibt’s das auch in Irisch-Grün?

Dublin to go

Der Stadtkern lässt sich problemlos zu Fuß erkunden – dafür braucht’s keine goldene Wandernadel oder tägliches Fitnesstraining. Hier ist jeder seinen Füßen selbst der Nächste. Die Busfahrer sind‘s jedenfalls nicht. Bestenfalls lassen sie dich bis zu 20 Minuten warten. Oder fahren direkt vorbei. Ich hab‘ das für euch getestet – drei Mal in knapp drei Tagen. Da nützt es oft nicht mal was, den Bus in bester Anhaltermanier ran zu winken. Vielleicht versuch ich’s beim nächsten Mal mit ’nem grünen Daumen. Kleiner Trost: Diesbezüglich sitzt man mit den Dublinern im gleichen Boot. Na ja, wenn schon kein Bus, dann wenigstens ein Boot! Eine Dublinerin hat mich gebeten, das öffentliche Verkehrssystem nicht gegen sie und ihre Mitstädter zu verwenden. In Sachen Einwohner könne man eben nicht mit Paris oder London konkurrieren. Hey, aber intuitivere Fahrpläne könntet ihr schon gestalten. Der Linksverkehr ist da das weitaus kleinere Übel … Bezahlt wird übrigens passend, Wechselgeld gibt es nämlich nur in Form von Gutschriftenbons, die man sich in der Geschäftsstelle auszahlen lassen kann. Weil jede Einzelfahrt zwei bis drei EUR kostet, hab‘ ich mir eine Visitor Leap Card gekauft. Die kostet in der 72-Stunden-Variante 19 EUR und gilt zuverlässig für alle unzuverlässigen Öffis. Und sie ist grün.

Dublin CastleFreundliche Melonen

Am Reiz Dublins ändert das nichts. Im Gegenteil. Passt ganz gut zum urig-charmanten Panzer der Stadt. Über dir pöbelt immer mal ’ne Möwe. Ganz lässig, um dir zu sagen, dass die See nicht weit ist. Zumindest, wenn ich das richtig verstanden hab‘ – leider haben sie auf gälisch gekreischt. Obwohl unsere Uhren gerade mal eine Stunde vor gehen – nach knapp zwei Wochen hatte ich wohl einfach mal wieder Bock auf ’ne Zeitumstellung –, kommen manche Gegenden ganz schön 1984 daher. Vor allem beim Blick auf Geschäfts- und Kneipenfassaden. Das hat mindestens den Vorteil, dass nicht jeder Laden das gleiche langweilige 0815-Schild über dem Eingang trägt. Spätestens an den Autos erkennt man sowieso, dass 2018 ist. Das mit dem Charme gilt für die Stadt im Allgemeinen und ihre Bewohner im Speziellen. Es wird keinen überraschen, dass in Dublin auch ein paar junge Menschen leben. Aber die Außenwirkung stricken vor allem die alten und knarzigeren. Die haben übrigens nicht alle rote Haare. Und ausnahmslos alle waren freundlich, gesprächig und hilfsbereit. Ein bisschen wie ‘ne Melone: Wirkt von außen ruppig und hart, aber ein ziemlich solides Innenleben. Also irgendwie doch Rot.

Wettergefechte

Dass am Ankunftsnachmittag die Sonne geschienen hat, sah erst ein bisschen nach Glück aus. Tag 2 hat sich nämlich gleich mal klischeegemäß grau und vernieselt präsentiert. Wir sind ja schließlich nicht in der Butter-Werbung. Weil ich aber nicht unbelehrbar bin, hatte ich natürlich einen Schirm im Gepäck. Weil ich aber in meinem Städtereisenherz Revoluzzer bin, habe ich den absichtlich zuhause gelassen. Die meisten Dubliner machen das genauso. Hat mir meine Bushaltestellen-Freundin verraten. Der schutzlose Protest wurde gewürdigt: Das Schubladenwetter hat sich sofort verzogen und stattdessen trockene 10 Grad vorgeschoben. An Tag 3 habe ich mich kämpferisch mit Pullover, Strickjacke und Sonnenbrille ins Rennen geschmissen. Zwiebeln im Essen nerven, aber als Kleidungstaktik sind ‘se wirklich nur schwer zu schlagen. Das Wetter hatte da nur noch ein weißes Sonnenfähnchen zur Kapitulation übrig.dublin_christ-church-cathedral_flukeblog

Hübsche Ecken zum Entdecken

Hübsche Ecken zum Entdecken (Grüße vom Reimemonster, sic!) gibt es hier genug. Manche schwören auf das Guinness Storehouse, andere verteufeln es als Gelddruckmaschine. Ich kreise die meisten Städte eher ziellos ein und hangele mich lose an den Touristen-Hotspots entlang. Reine Museen kriegen den Zuschlag nur bei echtem Interesse und nicht aus Prinzip. Da kommt man in Dublin mit zwei vollen Tagen ganz gut aus. So bin ich auf der Ha’penny Bridge über den River Liffey spaziert, hab‘ die Christ Church Cathedral, Marsh’s Library, den Park St. Stephen’s Green, die Edelstahlnadel The Spire auf der minimal überlaufenen O’Connell Street, die St. Patrick’s Cathedral, das Kneipenviertel Temple Bar, die Grafton StreetGeorge’s Street Arcade und zahllose weitere hübsche Ecken entdeckt. Immer umzingelt von Artgenossen. Touristen enttarnen sich ja gern mal selbst.

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Der Eiffelturm von Dublin, mein liebster place to visit und obendrein der Mittelpunkt allen Geschehens ist zweifellos das Trinity College mit dem Book of Kells und dem Long Room der Alten Bibliothek. Wer ein Faible für Bücher hat, darf die 14 EUR Eintritt ruhigen Gewissens investieren. Runter gerechnet sind das pro Buch gerade mal 0,00007 EUR. Für Harry-Potter-Jünger wohl auch ein ganz passabler Hogwards-Ersatz, hab‘ ich mir sagen lassen. Die älteste Harfe Irlands gibt’s dann gratis dazu. Marsh’s Library ist sowas wie die kleine Schwester – genauso hübsch und freundlich, aber eben stets im Schatten der Trinity-Version.

Home is where the Pub is

dublin_fagans-pub_flukeblogMein Airbnb-Zimmer hatte ich im Viertel Drumcondra – sportliche dreißig Minuten Spaziergang vom Stadtkern entfernt. In direkter Nachbarschaft zu Fagan’s Pub und Restaurant, wo ich mir jeden Abend ein Alster – in Dublin they call it Lager Shandy – hab‘ schmecken lassen. Bevor jetzt jemand mosert, wie ich in Dublin sein konnte, ohne das berühmte G-Bier zu trinken: Ich hab‘ das Shandy mit Guinness mischen lassen. Gesunde Ernährung wird hier auf jeden Fall ganz neu definiert. Fish & Ships und Burger finden dich überall. Wer etwas anderes sucht, genau, der muss suchen. Im Fagan’s habe ich gelernt: Linguine mit Garnelen und Spinat kann man schon mal mit Pommes reichen – warum nicht. Ich frittier‘ die Welt, widdewidde wie sie mir gefällt. Im Ernst: In meinem kulinarischen Weltbild ergibt das ungefähr so viel Sinn wie Kartoffel- oder Spaghettipizza. Sind ja beide nicht so als Bestseller bekannt. Aber die Getränke kamen zum Glück ohne Panade aus.

Mukke bei Molly

dublin_molly-malone_flukeblogNachmittag. High Noon zwischen Dame Street, College Green und Grafton Street. Wissen auch Dublins Straßenmusiker, die sich jetzt an etlichen Ecken die Saite in die Hand geben. Sie kommen mit Trommeln, Gitarren, Keyboards – aber vor allem immer mit Verstärker. Einer der begehrten Plätze ist direkt am Rockzipfel der „Tart with the cart“, der „Zuckerpuppe mit dem Karren“, Molly Malone. Bei der Gelegenheit: Die Statue ist gleich der nächste Haken auf der Sehenswürdigkeitenliste. So bin ich Andrés S Macnamara vor’s Keyboard gelaufen. Als hätte er’s geahnt, kam auch gleich „Here comes the Sun“. Andererseits wohl kein Kunststück, in UK Straßenmusiker zu treffen, die die Beatles im Repertoire haben. Egal, gutes Omen, basta. Randy Newman, Elton John, Fab Four – gut angelegtes Geld in das kleine Outdoor-Konzert.

Ein paar Plätze – das ehemalige Gefängnis Kilmainham Gaol oder den Phoenix Park – hab‘ ich zwar verpasst, aber man erzählt sich, Dublin bleibt noch ’ne Weile an Ort und Stelle. Guinness ist wohl noch genug da.

1 Comment
  • sabina
    August 10, 2018

    Das war eine sehr schöne Stadt, natürlich wir besuchen nächste Jahr wieder

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