DSDS in Thale: Guten Abend, Laborratten!

Stell‘ dir vor, es ist DSDS und keiner hört hin. Zumindest die Chartplatzierung des Siegertitels – übrigens erstmals ein Cover, darüber hinaus nicht das allerschlimmste und noch dazu eines großartigen Songs – gibt mir Recht. Eben noch kannte ich zumindest Alexander Klaws und Daniel Küblböck oder Mehrzad und Menowin (man könnte meinen, an den Nachnamen wurde mit den Jahren gespart), aber 74 Staffeln später bin ich mehr als raus. Und nun treibt mich der Lokalzeitungszufall zu einem Konzert, das ich aus freien Stücken nie besucht hätte – „DSDS Top 11 on Tour“ in Thale. Das hat man nun davon, wenn man musikalisch bevorzugt im vorigen Jahrhundert lebt.

Auf zur Live-Treibjagd

Wo früher die Castings irgendwie witzig und die Liveshows quasi die einzig überlebende Form von Musikfernsehen waren, registriere ich heute bestenfalls mit müder Ignoranz, wenn Dieter Bohlen zur alljährlichen Treibjagd „Deutschland sucht den Superstar“ ruft. Die zwei Minuten Weg zum Rathausplatz, der erstmals – Stadtfestbühnenfirlefanz mal ausgenommen – als Konzertlocation herhalten darf, nutze ich sinnvoll: Google muss mir dringend verraten, wer die Top 11 überhaupt sind. Und wer hat eigentlich gewonnen? Alphonso Williams. Gut. Nie gehört. Von den Schäfchen zwei bis elf ganz zu schweigen. Aber es gibt noch einen Special Guest – Prince Damien. Der Vorjahressieger ist nicht mal an mir spurlos vorbei gegangen. Okay, kann losgehen.

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DSDS-Drama, Baby!

In bester RTL-Manier posaunt eine Bandansage heraus, „DSDS ist am Ende“. Einer dieser Sätze, die ohne Punkt am Ende auskommen müssen. Dramatik. Wird das Konzert doch noch abgeblasen? Wäre ja nicht das erste Mal bei dieser Tour. Gefühlte zwei Minuten Pause. Im Fernsehen würde es jetzt so richtig richtig spannend werden. Und dann finden sich doch noch ein paar Wörter nebst Satzzeichen: „… immer noch für eine Überraschung gut gewesen!“. Die Überraschung dürfte der Trupp hyperaktiver, quietschbunter Leute sein, der auf die Bühne springt. Glitzerjackett beim Sieger, Glitzer-Augenbrauen beim Prinzen – als wäre eine Packung Celebrations ausgekippt. Zur Sicherheit zähl‘ ich schnell nach – 1, 2, … zwölf Leute. Nach erfolgreicher Inventur amüsiere ich mich bei einer Runde Memory und ordne die Celebrations einem Internetbild und damit auch ihren Namen zu.

Bin ich hier auch wirklich richtig?

Gleich mit der ersten Nummer (Justin Timberlake – „Can’t stop the feeling“) gerate ich hart an meine Schmerzgrenze. Liegt aber eher am aufgesetzten, glitzernden Gesamtkonstrukt als an der Gesangsqualität. Immerhin. Der Platz ist übrigens bestuhlt. Solche Konzerte entlocken mir immer irgendwie Stirnrunzeln – will die breite Masse nicht lieber tanzen? Bevor die Falten kommen können, lädt DSDS-Sieger Alphonso schon zur lockeren Tanzparty vor der Bühne ein. Das gibt ein Bienchen in Sachen Nahbarkeit. Viele der 600 Fans nehmen ihn beim Wort. Zeitgleich, das wissen die Stuhlflüchtlinge nur nicht, verfluchen Security und Veranstalter ihn dafür. Fan-Nähe ist ja gut und schön, aber da der Bühnenuntergrund nur durch einen Vorhang verdeckt ist, gewinnen die Sicherheitsvorkehrungen. Schon ein paar Songs später schieben die Aufpasser die enttäuschte Meute sachte zurück in ihre Stuhlreihen. Der Frust ist so schnelllebig wie der Ruhm von DSDS-Kandidaten.

Doch ’ne Pralinenschachtel

Nacheinander darf jetzt jeder mal ran, hier und da gibt’s Duette oder „Collaborations“ (ein englisches Wort hat am Ende noch immer geholfen). Lag ich mit den Celebrations gar nicht so daneben, doch ’ne Pralinenschachtel. Armando gibt den Robbie Williams. Das mit dem Entertainen (er besingt es schließlich), macht er denn auch ganz ordentlich. Ruben serviert was zum Schmachten von Xavier Naidoo („Ich kenne nichts“). Ob ihm bewusst ist, dass eben der momentan wegen politischer Stilblüten zumindest umstritten ist? Auf den ersten Blick bietet die Show gleich ein paar glitzernde Elton Johns. Ivanildo ist einer von ihnen. Exzentrisch tanzt er durch die Stuhlreihen, im quietschgelben Anzug und mit einem Hut, der flächenmäßig das halbe Rathaus beherbergen könnte. Als Sando dran ist, fühle ich mich musikalisch endlich mal richtig abgeholt: „Footloose“. Ich mag den Film. Der magische Moment ist schnell vorbei – als nächstes schnulzt er ein Westlife-Cover („You raise me up“), begleitet sich aber immerhin selbst am Klavier.

Hier feiert die Braut, die sich traut Sandra Diedrich (4)Erwartungsgemäß bin ich umzingelt von Kindern und Jugendlichen. Aber offensichtlich auch von einer angehenden Braut inmitten ihres sehr pinken Junggesellinnenabschiedes. Zur Crew gehört auch deren neunjährige Tochter Samira, die ich spontan konzert-adoptiere. Es ist ihr erstes Konzert. Okay, es ist DSDS. Aber: Das geht in Ordnung. Sie mag die Musik, sie mag die Sänger. So muss das sein. Ich hoffe, die Top 11 + 1 wissen, welche Verantwortung sie hier tragen. Und wer weiß, wie viele Samiras hier noch so rumschwirren …Duygu (1)

Die Mädels sorgen für die Standardportion R & B und zum Teil auch für die nötige Menge Klischee-Erfüllung: Optik hui, Stimme pfui. Monique, Maria, Duygu und Chanelle wirken unbeholfener als ihre männlichen Kollegen, überspielen ihre Verlegenheit mit Kichern und Selbstgesprächen. Ich schwanke zwischen Schmunzeln und Mitleid. Duygu hebt sich stimmlich ab, zum Beispiel mit der Casting-Titanic „I will always love you“ (Whitney Houston). Ihre zu Teufelshörnern gedrehten Haare, bilde ich mir ein, müssen eine Hommage an die Walpurgishauptstadt sein, in der sie gerade singt.

Angriff der Fotohandys

Ausgerechnet Nesthäkchen Noah haut den ersten Klassiker raus. Als der 16-Jährige geboren wurde, war selbst das „Stand by me“-Cover von 4 the Cause schon ein paar Jahre her. Die Leute gehen ab. Alle Leute. Von wegen alte Musik fetzt nicht! Angriff der Fotohandys. Ich geb’s ja ungern zu, aber langsam fängt der Abend richtig an, Spaß zu machen. Dann kommt Mr. Bling Bling für ein Duett dazu. Mein Internet sagt, so nennen Fans den Superstar. Gut, wenig überraschend: Der Mann glitzert vom Jackett bis zur Brille. „I can’t help myself“ ist einer meiner Motown- und Soul-Favoriten auf Lebenszeit. Danke, dass ihr ihn nicht versaut habt, Jungs! Was die Kostüme angeht, bleiben The Four Tops natürlich konkurrenzlos.

Glitzert die Braue, bist du ein FanGlitzert die Braue, bist du ein Fan

Prince Damien hat ein Jahr Vorsprung und das Publikum noch ’ne ganze Ecke besser im Griff. Sein Fanclub ist jedenfalls zahlreich vertreten. Man erkennt ihn an den Augenbrauen, die irgendwie an Schulterstücke der NVA erinnern. Ich wette, seit Kylie Minogues „I should be so lucky“ war kein Songtext mehr so überschaubar wie „Mich hält keiner auf“. Danach darf Funkel-Alphonso nochmal solo ran. Noch mehr Motown, noch mehr Flitter. Manchmal hört man, dass er lispelt. Bin geneigt, mich zu solidarisieren, weil ich das als Kind auch gemacht habe. Die Fans dürfen jetzt wieder nach vorn. Was’n versöhnliches Finale, oder? Mit dem DSDS-Klassiker „We have a dream“ – damals 2002, als die Shows noch fette Quoten und die Platten gute Verkaufszahlen hatten – türmen sich alle zur Zugabe auf.

Stille Autogrammpost

Hier feiert die Braut, die sich traut Sandra Diedrich (2)

Schnell noch ein Bühnenselfie mit dem Publikum und ab zur Autogrammstunde. Der Junggesellenabschied trägt inzwischen DSDS-Basecaps und Samira schwärmt, dass es „soooo super war“. Ich freue mich. Es folgen die zugleich befremdlichsten und lustigsten Momente des Abends. Die Top 11 + 1 werden, bewaffnet mit ausreichend Autogrammkarten, im Rathausfoyer aufgereiht. Der Gedanke ist logistisch bestimmt nicht ganz doof, der Ablauf dennoch amüsant. Jeder, der eine Unterschrift ergattern will, nennt dem Security-Pavian (DER wurde seiner Schublade gerecht!) seinen Namen. Der spielt dann eine laute Version Stille Post (die Autogramm-Edition) und gibt den Namen an die Stars weiter. Wie die Laborratten fangen alle Zwölf an, eine Karte zu signieren. Dann wird das Kind im Eiltempo durchgewunken. Foto- oder Gesprächsversuche – das hat der Pavian vorher durch verbales Brusttrommeln eindrucksvoll angekündigt – werden mit sofortigem Rausschmiss geahndet. Wie kindgerecht! Darauf haben die Laborratten natürlich keinen Einfluss.

Die Show ist zwar häufig Sticheleien ausgesetzt, wer aber wie meine Adoptiv-Freundin Samira zum ersten Mal Livemusik erlebt, nimmt das Konzert für immer mit – eben nicht nur als Autogramm. Und der erwachsene Rest? Der hatte zumindest eine ordentliche Sommerparty. Auch ich, bei aller Lästerei. Ein bisschen wie so’ne Party-CD, auf der irgendwie von allem etwas ist …

Fotos: Thomas Tobis

P.S.: Sandra, alles Liebe zur Hochzeit – inzwischen liegt der 17.07.2017 ja hinter uns!

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