Die verschiedenen U-Bahn-Typen

Die verschiedenen U-Bahn-Typen sorgen jeden Tag dafür, dass meine Bahnfahrten nicht langweilig werden. Pünktlich zum neuen Jahr, und damit meine ich exakt 20 Tage zu spät, melde ich mich zurück, um den vielen täglichen Mitfahrern, mit ein paar sarkastisch-spaßigen Anekdoten, zu danken.

Vorab sollte ich erwähnen, dass die letzten Jahre Bahnfahren einer Safari glichen. Die von mir in diesem Artikel dargestellten Beobachtungen sind keinesfalls kurzweiliger Natur oder sogar nur Gerüchte. Ich habe mich immer wieder zwanghaft in Situationen begeben, in denen ich den Gleistigern unserer Gegenwart Auge in Auge gegenüberstand. Es waren Fahrten zur Arbeit, Fahrten zum Training oder einfach nur harmlose Fahrten um Freunde zu besuchen, die mir den Dschungel des öffentlichen Nahverkehrs Tag für Tag in seiner grausamsten Art und Weise präsentierten. Solltet ihr auch täglich mit dem Bus unterwegs sein: schärft eure Sinne, Freunde. Prägt euch die verschiedenen U-Bahn-Typen gut ein. Vielleicht findet ihr euch dann auch bald besser in einer Welt volller Wagon-Cowboys und Bus-Festhaltestangen-Gogos zurecht.

Der Hotdog-Freak

Morgens, 7.30 Uhr. Leicht verschlafen stehe ich in der S-Bahn und schaue durch das Fenster in die Hallen des heiligen Hauptbahnhofes. Ein komischer Geruch steigt mir in die Nase. Es dauert ein kleines bisschen, bis die Reize an den richtigen Stellen meines Hirns ankommen und ich eine Zuordnung herstellen kann…Senf! Ich bin wahrlich kein Typ, der in puncto Essen irgendwelche Normen einhält. Ich esse auf der Couch, esse Pizza oder Burger King auch morgens und verteufle auch nicht, die gleiche Mahlzeit fünfmal in der Woche zu essen.
Einen Hotdog mit gefühlten drei Litern Senf zu bestücken, tief winterlich gekleidet zu sein und sich so in eine schweinetransportvolle Bahn zu begeben, halte ich dennoch für ein sehr gewagtes Setup. Innerhalb von zwei Stationen wurde der Senf mit Würstchen verdrückt. Schwer verkrümelt und mit etwas Mostrich im Bart hatte der Hotdog-Freak seinen Grundstein für einen erfolgreichen Tag bereits vor acht Uhr morgens gelegt.

Der Türsteher

Was ist das Wichtigste beim Bahnfahren? Richtig, dass man sein Ziel erreicht. Wenns geht bitte ohne Verspätung. Was ist dafür nötig? Ein pünktlich eintreffendes öffentliches Verkehrsmittel, Einsteigen und Aussteigen. Die Türsteher sind eine Rasse zielorientierter Einzelgänger. Das Pfeifen der sich öffnenden Türen sorgt für Ungewissheit bei allen Fahrgästen. Die Menge strömt Richtung Tür. Der Weg zu den Tageszielen scheint frei. Doch dann wird allen bewusst: Wir haben einen Türsteher unter uns. Es ist genau dieser eine Schritt, den er macht. Der Schritt von Bahn zu Bahnsteig. Von Kunstoff U-Bahn Boden zu Asphalt.
Das war es dann allerdings auch. Nach diesem Schritt ist der Türsteher an seinem Ziel angekommen. Er war pünktlich in der Bahn. Er ist ein- und wieder ausgestiegen. Wenn das mal nicht nach einer Pause schreit! Und wo könnte man die besser einlegen, als einen Schritt vor dem haltenden Zug. Als Poller der sich teilenden Menschenmasse. Die Menschen mögen drängeln, sie mögen fluchen, doch der Türsteher braucht diesen Moment. Vielleicht ist es der Thrill des Augenblicks. Vielleicht aber auch der kurzzeitige Touristencharme, der allerdings sofort wieder verfliegt, wenn die Leute merken, dass der Türsteher nicht ansatzweise orientierungslos oder anhaltspunktsuchend wirkt.

Die Private

Hach, privat zu sein ist doch etwas Schönes. Dinge für sich zu behalten oder nur mit den wirklich betroffenen Personen zu besprechen…ein Traum. Dieser wird allerdings nicht von diesem U-Bahn-Typen geträumt. Vorab muss ich verteidigend einbringen, dass es meiner Beobachtung nach verschiedene Level innerhalb der Rasse der Privaten gibt.

Es startet ganz sanft mit Amy (die Namen sind hier und folgend frei erfunden). Amy hält es für notwendig, mir zu erzählen, dass sie am Wochenende zum Essen bei ihrer Familie in der Heimat eingeladen ist. Warum auch nicht? Mein Blick aus dem Fenster war wohl mehr als ein eindeutiges Zeichen zur Gesprächsbereitschaft. Mein stummes Nicken gepaart mit einsilbigen „Jas“ als Teil einer zehn-minütigen Ausführung Amys über das Thema „Essen bei den Eltern“ wurde offensichtlich als Vertrauensbeweis gedeutet. Heiraten könne man eventuell noch nicht, aber auf jeden Fall noch den Weg bis hin zum Ausstieg „zusammen verbringen“.

Jacky ist da schon ein wenig anders drauf. Sie steht nicht so auf den Gegenpol in einer Unterhaltung. Jacky besitzt ein weißes, niemals lautloses iPhone, das durch ein gefaktes Armani-Glitzercover geschützt ist. Und Jacky hat Stress. Aber warum nur? Nicht falsch verstehen Freunde, diese Frage habe ich nicht gestellt. Der entnervte Blick, den ich ihr zuwarf, als das zwanzigste Mal ein 30 sekundenlanger Ausschnitt aus Jason Darulos „Wiggle“ bei Ankunft einer Nachricht auf ihrem Telefon gespielt wurde, musste den Ausschlag gegeben haben.
Es galt nun herauszufinden, was die junge Dame so in Rage brachte. Meine Erkenntnisse darüber beruhen zum einen auf den Telefonaten, die Jacky während der Fahrt führte, zum anderen auf den Gesprächen, die sie anderen mitfahrenden Damen aufzwang. Es war wie in einem Film. Ich war der Zuschauer. Nun wurden alle Stilmittel ausgepackt um mich zu begeistern…aber ich schweife ab.
Jacky hatte jedenfalls Stress mit ihrem Freund Francesco. Franco, wie ich ihn auf Grund der Vertrautheit mit seinen Problemen nennen darf, war ein in Deutschland lebender Italiener mit türkischen Wurzeln und australischen Eltern. Dieser Molotow-Herkunfts-Cocktail war, so Jacky, auch Grund für sein Temperament („So sind diese Leute nunmal“). Er war Anhänger des christlichen Islams und trank unter der Woche keinen Alkohol. Dies galt natürlich nicht für Freitage und die Berufsschulpausen. „Logisch“, so Jacky. Nun schien es so gewesen zu sein, dass Franco an einem eigentlich Jacky versprochenen Pärchenwochenende lieber einen FIFA-Playstationabend mit seinen „Bros“ veranstaltete…meine Haltestelle – ich musste raus!

Handy-DJs

Ein Track für jede Lebenslage – Spotify sei dank! Handy-DJs teilen sich in zwei Lager. Kommen wir zunächst mal zum geborenen DJ. Zur Rampensau. Zum „Lautsprecher an“-Typen. Genug der dramatischen Aufzählungen. Genießen wir den Klang seines LG-Handys. Was könnte es Schöneres geben, als den neuesten Track eines eher unbekannten Rappers unterstützt durch einen wummernden Smartphone-Subwoofer? Die Antwort lautet natürlich „nichts!“ und genau deswegen spielt der Handy-DJ es ja auch. Alte Leute wippen im Takt, junge Leute schwingen ihre Hüften in Ekstase und der Bus wird zum rollenden Club. Genauso stellt es sich für den Rampensau-Handy-DJ dar.

Ebenso musikverliebt, aber etwas kleinlauter, gibt sich der Kenner-DJ. Der Kopfhörer-Ästhet. Er hält nichts von Lautsprechern. Er will nur bedingt teilen. Er braucht die volle Lautstärke im Ohr. Dass er dabei dennoch teilt, weil seine Kopfhörer niemals die Lautstärke eines startenden Airbus A380 verschlucken können, ist ihm ganz recht. Mit gekonnt zwinkernden Gesten zeigt er erzürnt und genervt gaffenden Mitmenschen, dass er der Boss ist. Er weiß ganz genau, dass seine Musik die beste ist. Sie gibt ihm Selbstvertrauen. Er hat schlichtweg den Groove. Die Zigarette wird noch im Bus vorbereitet und in den Mund gesteckt, ehe das Erreichen seiner Haltestelle die Mitfahrer, nun der wahren Bedeutung der Musik ein Stück näher gekommenden, alleine zurücklässt.

Ich, der Busclown

Das Ganze wäre natürlich nicht wahrheitsgetreu und wissenschaftlich, wenn ich mich nicht auch einzuschätzen wüsste. Mit gefühlten zehn Metern Körpergröße wird jedes Viermann-Abteil in Bus und Bahn zum Einsitzer. Auf die Frage, ob neben mir noch Platz sei, gibt es eigentlich nur zwei logische Antworten.

Nein, das sehen Sie doch.

verbunden mit einem Fingerzeig auf den tatsächlich leeren, aber mit der Hälfte eines meiner Beine bedeckten, Platzes oder

Ja, natürlich.

verbunden mit einer Hommage an mein Selbstmitleid auf Grund von resultierenden Schmerzen in Knien und Rücken, gepaart mit einem angekratzten Ego und dem Glauben, dass die Unmöglichkeit des Sitzens neben mir hätte auffallen müssen.

Richtig groß wird das Gelächter erst, wenn ich mir zum dritten mal das Golden State-Basecap an einem der Festhaltegurte runterreiße und als Kerl wie ein Baum stets als erster das Gleichgewicht verliere.

Die verschiedenen U-Bahn-Typen sind Entertainment

Regt euch auf, hört zu oder steigt mit ein. Es ist normal, dass übervolle Bahnen nerven. Es ist normal, dass das Stehen auf einer halbstündigen Fahrt ankotzt. Ab und an muss das auch einfach mal rausgelassen werden. Allerdings nicht immer. Also versuchen wir doch, unsere eigenen Eigenarten mit einem Lächeln zu sehen. Vielleicht fällt es dann noch leichter, andere Eigenarten zu belächeln und gelassener zu werden.

Ich werde weiter auf Bus- und Bahnsafari gehen. Vielleicht lerne ich ja auf meinen täglichen Fahrten neue Geschöpfe kennen. Die Forschung schläft nie und in der Bahn ist Stillstand eben kein Rückschritt. Wir sehen uns in einem zweiten Teil!

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