Der alte Mann und das Publikum

Seit Monaten hat Bob Dylan von Braunschweigs Lit­faß­säu­len auf mich herabgeschaut. Nicht herablassend. Eher einladend. Schließlich gastiert er am 15. Oktober 2015 in der hiesigen VW-Halle, stand da auf den Plakaten. Und man weiß ja nie, wie lang es solche Gelegenheiten noch gibt (sorry, Bob – 74 ist nicht das neue 20). Die schnelle eventim-Recherche hat mit Ticketpreisen von 60-70 EUR ebenso schnell Ernüchterung gebracht. Für ein gutes Konzert in meinen Augen ein legitimer Preis, quasi ne todsichere Investition. Theoretisch. Da ich aber 1. kein übermäßig großer Fan bin und 2. etwas Angst hatte, dass er (mit einem unterirdischen Auftritt) seinen Legendenstatus riskiert, hab ich mich dagegen entschieden. Der Versuchung widerstanden, die Legende live zu sehen. Fortan hab ich bei unseren Litfaßsäulen-Begegnungen nur noch kurz beschämt hochgeschaut und mit dem Kopf geschüttelt. Der Zufall will aber, dass die Firma, in der ich arbeite, mit dem Rockradiosender Radio 21 zusammenarbeitet. Bei einem der regelmäßigen Besuche „unserer Radiotante“ hab ich einfach mal dreist gefragt, ob sie mir nicht Karten besorgen könnte (mit dem Hintergedanken, meinen Neffen M damit von den Socken zu hauen). Könne sie natürlich versuchen. Sehr gut. Nächster Auftritt des Kameraden Zufall: Radio 21 wollte sich ohnehin um das lokale Sponsoring des Braunschweig-Konzerts bemühen. Dann passierte wochenlang nichts. Kaum war ich sicher, nichts mehr dazu zu hören, kam die Zusage, mit der ich eigentlich niemals ernsthaft gerechnet hab. Fühlte sich beinahe an wie einer dieser Gewinnspielanrufe, die x Radiosender y Mal am Tag so starten. Dabei ist meine Radiofee ja „nur“ Mediaberaterin und wir waren natürlich nicht on Air. M war völlig aus dem Häuschen. Zitat: „Aaahuuuuuh“ in Stimmlage Sopran. Für mich hieß das auch, dass mein unfreiwilliges Konzertfasten (seit Juni 2014, exklusive Festival) endlich ein Ende haben wird. Aaahuuuuuh (ich kann leider nur in Alt)!

Hommage an Udo Lindenberg

Donnerstag, 15. Oktober 2015. Wie es sich für eine Legende nicht gehört, betritt Bob Dylan pünktlich um 20 Uhr die Bühne. Da er diesen Status – sagt man – schon immer erdrückend fand, ist das eigentlich nicht verwunderlich. Selbst Wolfsheim haben sich 2003 in Magdeburg ’ne ordentliche Verspätung gegönnt. Die Radiofee hat mich übrigens vehement vorgewarnt – ihr Livedate mit Bob Dylan war wohl seinerzeit alles andere als gut. So sehr neugierig ich auch war – man kennt ja des Protagonisten knarzige Stimme. Deshalb war meine Erwartungshaltung an die Never Ending Tour ohne einen Hauch von Wehmut einfach angenehm gering. Hauptsache erlebt und so. Da saßen M und ich dann auf unseren Sitzen und konnten es nicht fassen. Mitten in der Dunkelheit der wenig charmanten VW-Halle stand wirklich Bob Dylan. Für M ist er Mr. Tambourine Man. Für mich vor allem 1/5 der Travelling Wilburys. Die gibt’s ja wirklich – diese kitschigen Momente, die man ohne Kneifen einfach kaum glaubt. Er war exakt, wie wir beide uns das ausgemalt hatten: schnörkellos, wortkarg und klein. Und hat damit gewaltig Eindruck und Gänsehaut gemacht. Sein Andalusierhut und die Stoffhose mit hellem Streifen am Bein müssen eine Hommage an Udo Lindenberg gewesen sein. Der Zirkusdirektorenfrack dazu war der endgültige Beweis seiner Uneitelkeit. Dass die Qualität seiner Stimme während der meisten Songs wirklich passabel war, war ’ne echte Überraschung. Von „his Band“ ganz zu schweigen, die waren mehr als passabel. Kontrabass und Violine zwischen Drums und Gitarre. Dazu gelegentliche Einlagen des Hauptdarstellers selbst an Mundharmonika und Klavier.  Einmal hat Dylan auch zum Publikum gesprochen. Was? Tja, das wissen wohl nur seine Nuschelstimme und er selbst. Ist aber auch egal. Da erwarteste, die lebende Rock-, Folk- und Antilegende Robert Allen Zimmerman zu beobachten, wie sie sich live demontiert und dann ist der alte Mann einfach gut, während er seine und Frank Sinatras Songs für das sabbernde Publikum interpretiert. Ein bisschen Elvis Presley mit Rock-A-Hula Baby ist auch dabei. Und der nette verrückte Onkel, der weit weg wohnt und nur selten zu Besuch kommt. Dann aber sofort ein Instrument schnappt und los singt. Zwei Sets á 45 Minuten und zwei  Zugaben dauerte es, bis der Eigenbrötler sich wieder zurückgezogen hat. Nach dem Fasten war das tatsächlich ’ne Curry/Pommes (eins meiner favorisierten Heißhunger-Gerichte)! Der ewige Wehrmutstropfen bleibt: du kriegst nie all die Songs zu hören, die du dir wünschst. „Hurricane“ wäre meine Mayo gewesen. Danke, Radio 21 – selten hat FastFood besser geschmeckt!

Setlist

  1. Things Have Changed
  2. She Belongs To Me
  3. Beyond Here Lies Nothin‘
  4. Melancholy Mood
  5. Duquesne Whistle
  6. What’ll I Do
  7. Pay In Blood
  8. I’m a Fool to Want You
  9. Tangled Up In Blue
  10. High Water (For Charley Patton)
  11. Where Are You?
  12. Early Roman Kings
  13. Why Try to Change Me Now
  14. Spirit On The Water
  15. Scarlet Town
  16. All Or Nothing At All
  17. Long And Wasted Years
  18. Autumn Leaves
  19. Blowin‘ In The Wind
  20. Love Sick

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