Depeche Mode: Messias for the Masses

Im Grunde kann man die Uhr nach stellen: Alle vier bis fünf Jahre betouren Depeche Mode eine neue Platte. In meiner Livemusikwelt sowas wie ein Festival, während andere Konzerte plötzlich nur noch Stadtfest-Rang haben. Meine Tante meint, ich hätte da schon Routine. Ja und nein. Sechs Konzerte seit September 2001 geht das jetzt so, ziemlich genau mein halbes Leben. Bis auf zwei Ausrutscher (Berlin und Hannover) halte ich mich an Leipzig. Angeblich ja noch immer die dickste Brutstätte für Devotees. 27. Mai 2017. Die Global Spirit Tour macht Halt auf der Festwiese. Dass die Band ihr 14. Studioalbum „Spirit“ nennt, ist ein ordentlicher Vorschuss in Sachen Kitsch, soll mich aber im Austausch für ein gutes Konzert nicht weiter stören. Ist ja nicht so, dass „Music for the Masses“ 1987 weniger nach Zuckerwatte-Goethe klang.

Wenn du an einem Konzerttag durch Leipzig gehst, erkennst du genau, wohin die Massen wehen. Die Dave-Look-a-Likes und all die anderen. Das ist wie Nachhausekommen. Nur eben erst alle vier bis fünf Jahre. Ohne zum kreischenden Groupie zu mutieren, zelebriere auch ich das mit Hochgenuss – das schwarze T-Shirt oder besser das schwarze T-Shirt? Das schwarze Kleid.

Bierwagenroulette

DSC_1073Es fühlt sich an, wie angezogenes Freibad: Depeche Mode und die Sonne frohlocken, da kommen alle Ratten aus ihren Löchern gekrochen – die optimistischen und die pessimistischen. Schon kurz nach dem Konzert überschlägt sich das Netz ob der schlechten Getränkeversorgung. Schließlich ist es heiß! Ooh, womit hab ich das verdient! Was soll das! Klar, bei einem großen Konzert kosten Wasser und Bier bestimmt nur 1,50 EUR wie in der Gartensparte. Dass ein paar Aushilfsstudenten am Zapfhahn keine Geschwindigkeitsrekorde brechen – ebenso überraschend. Bierwagenroulette eben. Manchmal wartet man und manchmal trinken die anderen. Bei zwei Getränkerunden in zwei Stunden hole ich alles raus, was in Sachen Stochastik so geht: Einmal fix bedient, einmal 30 Minuten gewartet. Oder: 30 Minuten Sozialstudien. Klingt herablassender, als es gemeint ist. Menschen beobachten ist und bleibt nun mal amüsant und kurzweilig. Zumindest hab ich währenddessen auch gesehen, dass die Malteser nicht gerade Hochkonjunktur hatten. Mag sein, dass es anderswo schlimmer lief. Manchmal wartet man und manchmal trinken die anderen. Schnäppchenpreise, schnelle Bedienung, flüssiges Glück – ja, fänd‘ ich auch gut. Weil ich von Haus aus nicht damit rechne, hält sich die Enttäuschung in Grenzen. Wer häufiger als zwei oder drei Mal Getränke holt, verwechselt das Konzert aber vielleicht sowieso mit ’nem Kneipenbesuch?!

Die Sache mit der Sicherheit

Weil doppelt bekanntlich besser hält, kriegt die Disziplin „Jammern auf hohem Niveau“ noch einen zweiten Durchgang: Am Einlass merkt man nicht viel vom vorher beschworenen, strikten Sicherheitskonzept. Zugegeben, das Manchester-Attentat ist erst ein paar Tage her, da dürfen die 70.000 Besucher zu Recht ein bisschen irritiert sein, ob da nicht mehr geht. Um kurz mal wieder vor meiner eigenen Konzerttür zu kehren: Wir wurden gefilzt und inspiziert. Meine Umhängetasche hat bei solchen Anlässen grundsätzlich nur Taschenbuchformat und Getränke versuche ich erst gar nicht anzuschleppen – hab ich 2002 in Magdeburg gelernt, als ich mit meiner Caprisonne (damals hieß die noch so) nicht zu Wolfsheim durfte. Fragt sich außerdem: Würde ich mich wirklich sicherer fühlen, wenn ich pro Wiesenquadratmeter mehr uniformierte Security-Löwen als Grashalme zähle? Und ja, es ist leichter, ruhig zu bleiben, wenn einem schlimme Erlebnisse an solcher Stelle bisher erspart blieben.

„Good evening, Leipzig!“

Die Auflagen besagen (munkelt man), dass 23 Uhr der Stecker gezogen wird. Dass Depeche Mode schon 20.42 Uhr auf die Bühne kommen, liegt also schonmal nicht daran, dass sie pünktlich ins Bett wollen. Große Aftershow-Exzesse bleiben inzwischen sowieso aus – heute sind die Jungs eher auf Kaffee und veganer Sojamilch. „Going Backwards“ als Opener. Wir kümmern uns traditionell gleich mit dem ersten Song um meine größte Angst: Wird sich die halbe Fanschar trotzig geben, weil die Band es wagt, nicht nur die Über-Klassiker von 1982 bis 1990 rauszuhauen? Ich fand neue DM-Songs übrigens schonmal schlechter als diese und bin deshalb (immer noch! schon wieder!) entspannt. Soviel Lässigkeit wird belohnt: Das Publikum geht gut mit beim besungenen Rückwärtsgang. Sind Dave Gahan, Martin Gore und Andy Fletcher erstmal in Sicht, ist die Aufregung ohnehin größer als der Drang zum Pöbeln. Immer noch freue ich mich, wenn ein gut gelaunter Sänger uns „Good evening, Leipzig!“ entgegen ruft, als würden wir jeden Samstag zusammen Fußball gucken. Mehr wäre cool (Wie geht’s den Kindern? Was macht der Hund? Habt ihr gehört, was die Stones-Tickets kosten?), aber wir wollen die Kirche mal beim Kirchentag lassen. Da wir uns ja alle kennen, kann die Party jetzt losgehen.

Messias for the Masses

Die Spirit-Titel funktionieren überraschend gut. Die Band hat Bock, die Leute haben Bock, dadurch hat die Band noch mehr Bock – eine never ending Glücksspirale. Ohne jede Übertreibung hat Dave Gahan Entertainerqualitäten (da erzähl ich ja keinem was Neues). Auch wenn mich die schwarz-rote Weste und der schmale Bart ein bisschen an Gomez Addams erinnern, schiebt und wirbelt er sich gewohnt lasziv über die Bühne, flirtet und fordert. Hier ist auf jeden Fall klar, wer Master und wer Servant ist. Was den Hüftschwung angeht – über meine eingeschränkte tänzierische Kompetenz hab ich ja schonmal berichtet – steckt der 55-Jährige die meisten jüngeren Bandleader locker in die Tasche. Ein Messias for the Masses eben. Stimmlich läuft’s bei Martin und Dave übrigens auch wie geschnitten Brot und dass die Kleinmesse in unserem Rücken um kurz vor Zehn ein Feuerwerk spendiert, ist mindestens ein nettes AddOn für die ohnehin schon gute Stimmung.

Dienst nach Vorschrift?

In irgendeinem Zeitungsbericht zum Konzert wird pseudokritisiert, dass Depeche Mode da Dienst nach Vorschrift tun. Leipzig sei immerhin schon das 10. Konzert der Tour und die Setlist bleibt unverändert. Wenngleich manche Fans mehrere Konzerte mitnehmen, dürfte ein Großteil es bei einem belassen. Wer genau hat dann was von ständigem Setlisten-Hopping? Am Abend vor meinem ersten Konzert 2001 haben die Jungs auf der Hamburger Trabrennbahn „People Are People“ gespielt – immerhin der Song, der mich mit Pauken, Trompeten und Vorschlaghämmern zu Depeche Mode gebracht hat. In Leipzig fehlte der Track, der mir live bis heute verwehrt blieb. Überflüssig zu schreiben, dass mich das immer noch ärgert.

Ich sehe was, was …

Ich sehe was, was an diesem Abend offensichtlich jeder auf seine Art so oder so ähDepeche Mode_Leipzig_2017nlich sieht (abgesehen vom Organisatoren-Bashing bejubelt die Netzgemeinde nämlich auch ein famoses Konzert einer gut aufgelegten Band): Ich sehe ein paar wirklich coole Videos und Grafiken, die ich bisher noch bei jeder Tour gefeiert hab. Ich bin umgeben von Menschen, die auf einmal nicht mehr über Getränkepreise und Sicherheitskonzepte nachdenken. Menschen, die ein paar Titel lang Flashbacks in ihre Jugend betanzen. Menschen, die mit mir zusammen minutenlang Muckitraining machen, nur weil der Messias lächelnd und kommentarlos befohlen hat, dass zu „Never Let Me Down Again“ wie immer die Arme geschwenkt werden. Ich bekomme eine dicke Gänsehaut bei „In Your Room“. Ich stelle schon wieder fest, dass „Enjoy The Silence“ einfach ein unfassbar guter Popsong ist und die Welt deshalb nicht genug davon bekommt. Ich finde es ziemlich cool, dass meine musikalischen Helden einen ihrer musikalischen Helden covern, um ihm Tribut zu zollen (David Bowie – „Heroes“). Ich freue mich, dass schon das Intro meine anderen musikalischen Helden auf die Wiese holt (The Beatles – „Revolution“). Ich hab‘ das Gefühl, dass Christian Eigner beinah selbst zum Schlagzeug mutiert, so sehr, wie er auf die Trommel einhämmert. Ich kann damit leben, dass bei einem Open-Air-Konzert mal eine Videoleinwand zuckt und der Sound für eine Sekunde ruckelt. Ich bin neugierig, welche Lieder sie noch spielen. Ich bin heimlich ein bisschen stolz, dass mein Neffe M mit der ewig großen Klappe endlich auch Depeche Mode in seiner Liveliste hat (#wirsammelnmusiklegenden) und vor lauter Ehrfurcht manchmal nur stumm-tanzend genießen kann. Ich bin aus dem Häuschen, endlich mein eigenes Live-„Everything Counts“ zu haben und traurig, dass „People Are People“ und „But Not Tonight“ noch mindestens vier bis fünf Jahre warten müssen. Ich mag, dass ein lauer Sommerwind passend zum Albumtitel kitschig über die Festwiese fegt, als „Walking In My Shoes“ läuft. Ich fühle mich unheimlich gut unterhalten. Ich glaube, dass Kultur genau das sollte – unterhalten und nachhallen. Wenn all das Dienst nach Vorschrift ist, dann ist das doch immerhin mal ’ne sehr ordentliche Vorschrift, die Depeche Mode da ganze zwei Stunden und 15 Minuten befolgen. Wenn ich das nicht will, belass‘ ich es beim Studioalbum und hol‘ mir ein Radler aus dem Kühlschrank. Ist ja auch viel günstiger. Und sicherer.

Ach ja, die Vorbands …

Früher wurden Vorbands von Depeche Mode ja gern mal gnadenlos ausgebuht. Inzwischen scheint entweder deren Auswahl besser zu sein oder die Fans geben sich einfach etwas weniger barbarisch. F.O.X. haben wir wohl bei der 2013er Tour schon gehört. Huch, vergessen. Ob das an ihrem Wiedererkennungswert oder meinem porösen Gedächtnis liegt, macht eigentlich keinen Unterschied. Sie sind gut und erinnern mich ein bisschen an Florence and the Machine. Die Stimme noch ein Machinechen, aber durchaus cool. Als Vorband haste ja auch ’ne gewisse Erwartungshaltung zu erfüllen. The Horrors sind okay im Sinne von erträglich fad. Ich dachte kurz, Adrien Brody hat ein Anti-Aging-Wundermittel und seine Vorliebe für enge Lederfummel entdeckt … war aber vielleicht auch nur eine Reminiszenz an Martin Gore und die 80er Jahre.

Setlist

01. Going Backwards
02. So Much Love
03. Barrel Of A Gun
04. A Pain That I’m Used To
05. Corrupt
06. In Your Room
07. World In My Eyes
08. Cover Me
09. A Question Of Lust (Martin)
10. Home (Martin)
11. Poison Heart
12. Where’s The Revolution
13. Wrong
14. Everything Counts
15. Stripped
16. Enjoy The Silence
17. Never Let Me Down Again
Zugabe
18. Somebody (Martin)
19. Walking In My Shoes
20. Heroes (David Bowie)
21. I Feel You
22. Personal Jesus

 

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