Christian Amling und der Rotwein

Eine Lesung steht ja immer für Kultur und Unterhaltung, gern auch mal für gepflegte Monotonie (wenn man den falschen Autor wählt z.B.). In manchen Fällen aber auch für kalte Füße, wacklige Beleuchtung und dürftige Akustik. Mindestens dann, wenn sie in einer Kirche stattfindet. Ich hab das am Sonntag mal (wieder) getestet. Wenn der Quedlinburger Autor Christian Amling zur Buchvorstellung ruft, gehört Letzteres eher zur vielleicht ungewollten und doch so wichtigen Inszenierung.

1: 0 für den Rotwein

Wo ein Depeche Mode-Fan (das bin ich schließlich auch) weiß, dass er alle 3-5 Jahre quasi die Uhr nach einem neuen Album inklusive Tour stellen kann, erwartet der trainierte Amling-Leser jedes Jahr Anfang November den nächsten Band über den selbsternannten Harzer Privatdetektiv Irenäus Moll. Seit 11 Büchern geht das so. Vier oder fünf Mal hab ich die herbstliche Premiere schon mitgemacht. Und mit jedem Mal gehe ich amüsierter nachhause. Jedermann und Stadtprominenz reihen sich hier aneinander. Amling selbst ist ein Tausendsassa wie aus dem Bilderbuch: Stadtrat, Autor, Galerist, Fan wissenschaftlicher Fantastik, Einsiedler im Waldhaus. Was er nicht ist: ein erstklassiger Vorleser. Wirklich nicht. Ist aber auch ziemlich egal. Er ist Erzähler, Unterhalter, der geschichtensprühende Typ Mensch, den man in der Kneipe trifft. Das mag auch am obligatorischen Glas Rotwein liegen, das bei Christian Amling genauso dazugehört wie bei Irenäus. Christian Amling und der Rotwein. Wasser gegen den trockenen Mund am Rednerpult ist was für Standardprogramme. Standard ist hier aber nicht. So genießt Amling dann, dass er ungezwungen erzählen kann. Natürlich auch über sein neues Werk. „Das Schwarze Pferd“. Dabei kommt er von Hölzchen auf Stöckchen und gibt der Lesung genau den Charme, der sie eben seit 2005 ausmacht. Vier Passagen liest Amling. Ich weiß nicht, wie es den anderen Besuchern geht – den Teil finde ich am unspektakulärsten. Ist aber eher der Situation, denn dem Inhalt geschuldet. Es geht um Computerhacker, die sich am System der Rappbodetalsperre zu schaffen machen. Verdammte Technik – locker eins der Damoklesschwerter unserer Zeit. So wie anonyme Hetze in sozialen Netzwerken. Oder „Schwiegertochter gesucht“ im Fernsehprogramm. Was ich an Handlung höre, ist aus dem Zusammenhang gelöst, da kann ich nicht wirklich gut folgen – aber zum Lesen bleibt zuhause noch genug Zeit. Da verschlingt man dann die rund 200 Seiten regelrecht und fällt danach in das „Wieso gibt es nicht noch ein neues Buch?!“-Loch, das Büchernarren mit Sicherheit kennen. Ich bin guter Dinge, dass „Das Schwarze Pferd“ dieses Gefühl auch wieder heraufbeschwören wird.

Lokalpolitik vs. Science-Fiction

Die Veranstaltung ist ein bisschen auch Plattform für die kleine Politik von nebenan. Eine Spitze hier, ein Seitenhieb dort. Neben dem Handlungsort seiner Geschichten steigert das das Lokalkolorit der Leserunde in angenehme Höhen. Immer wieder lässt der Autor seine Meinung geschickt aufblitzen, ohne sie aufzudrängen – und hat damit die Lacher auf seiner Seite. Ebenfalls auf der Haben-Seite: die obligatorische Eröffnungsrede von Verleger Dr. Harry Ziethen, der mir in den ersten Jahren immer etwas leid tat – Aufregung und Rhetorik sind halt nicht die besten Freunde. Inzwischen schmeißt der Doktor den Auftakt sehr souverän. Genauso isses auch mit den Detektivgeschichten selbst. Als im ersten Band einer der Protagonisten Tommy Katzengold hieß, war das eigentlich ein Grund zum Zuklappen des Buches. Hab ich zum Glück nicht gemacht. Schreibstilistisch wurde das mit jedem neuen Band ausgefeilter. Nicht umsonst ist die Quedlinburger Blasiikirche bis auf den letzten Platz gefüllt. Dass Amling neben den Harzkrimis auch fantastische Literatur auf Lager hat – entweder gedacht, schon verfasst oder bereits verlegt – wird an diesem Nachmittag beinahe guerillamäßig an die große Glocke gehängt. Nun gut. Muss man halt mögen.

Opperio ergo sum – Ich warte, also bin ich

Zum Abschluss werden die Bücher signiert. Dafür nimmt der Hauptdarsteller sich viel Zeit. Vielleicht nicht nur, weil er es will, sondern einfach, weil das nun mal sein Naturell ist. Rings um mich rum jammert der eine oder andere über die Wartezeit. Luxusprobleme! Amling hat Recht, als er (an anderer Stelle) sagt, dass doch der Nachmittag sowieso einmal dahin ist. Derweil freue ich mich über jede Treppenstufe, die ich meinem unterschriebenen Buch näher komme. Seine Plauderei zwischendurch sorgt übrigens dafür, dass eine Zuhörerin letztlich Questenberg statt Quedlinburg in ihrem Exemplar stehen hat. Am Ende sehe ich mein Warten nicht als 20 Minuten vergeudete Lebenszeit. Eher als 20 Minuten ausgiebige Sozialstudien. Manchmal ist das genauso amüsant, wie die Lesung selbst.

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