Beach Boys: Von der Brillianz gealterter Überbands

Bestandteil jedes mittelklassigen Musikverrisses: Ablästern über Bands, die mal die Welt verändert haben – vor etwa 285 Jahren. Ist der Zenit erst überschritten, veröffentlichen sich die Best of-Platten recht ungeniert. Ist bei den Beach Boys nicht so dolle anders – da sind seit 1966 auch fast drei Dutzend Compilations zusammengekommen. Kann man ja mal machen. Und dann erst die ständigen Tourneen. Bisher konnte ich da auch immer ganz unverblümt lästern: die Beatles können sich heut aus diversen Gründen nicht mehr zum Bühnenkasper machen – die Stones hingegen schon. Eine Tatsache, die ich seit jeher zur Genüge auskoste (ja, sie haben trotzdem ein paar nette Songs). Queen, ABBA? Alle in Sicherheit gebracht! Außerdem bleiben mir ja noch ein paar Jahre, bis ich das Verhältnis Alter-Bühnenpräsenz-Lächerlichkeit auch bei Depeche Mode kritisch hinterfragen und fangirl-mäßig schönreden muss.

Wouldn’t it be nice – mit den Beach Boys live?!

Irgendwie (ich weiß auch nicht, wie das immer passiert), bin ich aber im letzten Jahr ein bisschen über dem Normalmaß an den Beach Boys hängengeblieben. Mit Love & Mercy (muss man gucken, mindestens wegen John Cusack), der Filmbiographie über Brian Wilson war die Sache dann geritzt – immerhin das musikalische Mastermind hinter der Band. Fürs eigene Wohlbefinden hab ich auch gleich noch ein Ticket in den Konzerthimmel gebucht. Das einzige Deutschlandkonzert. Und dann noch in Lieblingsleipzig – muss man ja der Band gleich mal als Vorschusslorbeeren anrechnen. Aber da stand ich jetzt also selbst beim Konzert einer gealterten Überband. Wasser predigen, Wein trinken – so, so. Andererseits mag ich Wein ganz gern.

Woodstock liegt in der Luft

Mit 29 Jahren einen Auftritt der Beach Boys mitmachen. Ich war auf einiges gefasst – Sauerstoff- und Hörgeräte, alle Klischees inbegriffen. Nachdem André neulich schon Menschen in Schubladen stecken musste, konnte ich gewohnheitsgemäß natürlich auch nicht anders – im Haus Auensee standen immerhin auch mehr als 2500 spannende Probanden zur Verfügung. Zuerst meine jungen Mitstreiter. Wir Ritter zum Senken des Altersdurchschnitts an der Tafelrunde. Da war unter anderem „ich bin jung, hör aber trotzdem gern Rockabilly und trage genau deshalb rot-schwarz-kariert mit passender Schleifenspange im Haar“ (in logischer Konsequenz begleitet vom jungen Mann in Baseballjacke). Besondere Grüße gehen auch an die Jungs in den Hawaiihemden, die schon 1992 irgendwie scheiße waren. Aber hey, auf der Bühne stehen die Beach Boys. Überraschenderweise hatte gar keiner ein Surfbrett dabei. Dafür, dass selbst unsere Eltern noch Grundschüler waren, als die Beach Boys rauskamen, haben wir mindestens ein ziemlich passables Publikum abgegeben. Bei jeder großen Band im Schlepptau: die Look-alikes. All die guten und schlechten Kopien der Musiker (bei Depeche Mode-Tourneen übrigens locker die breite Masse). Es riecht nach Woodstock. Ich bin sicher, die Schirmmützen, Polyester-Hemden und abgeranzten Jeanswesten stammten allesamt aus dem Originalfundus. Umso besser – zwei Tage nach dem Konzert war Karnevalsumzug in Leipzsch. Da wurde das eine oder andere bestimmt nochmal aufgetragen. So richtig schlimm war nur meine liebste linke Nachbarin, Kaliber „ich bin um die 40 und nein, ich werde verdammt nochmal keinen Spaß haben“. Kracher der Typ dazu: drei Bier und voll dabei. Irgendwann hatter sie einfach gepackt und wie ne Marionette bewegt. Fand sie natürlich unheimlich gut. Man bekommt ja bei Konzerten so unglaublich viel für sein Geld, wenn man nur genau hinschaut.

Gehirnwäsche mit fatalen Folgen

Gewonnen hat den Stylecontest übrigens die Band selbst. Wer seit Jahren so derart selbstbewusst immer und überall Basecaps mit dem eigenen Logo trägt, muss den Preis einfach mit nachhause nehmen! Was auch immer sie unter den Dingern verstecken. Leadsänger Mike Love hat scheinbar das Hutgen. Solider Einstieg – an Hits mangelts sowieso nicht, die Stimmen fit und die begleitenden Musiker ziemlich ordentlich (u.a. Jeffrey Foskett für die Abteilung Falsett-Gesang – mit Mitte 70 reicht ja ne Stimme selten noch bis in den Himmel, da is Unterstützung erlaubt). Und meine Herrn – da ist Nomen wirklich mal Omen: wer gute Laune gegen mieses Wetter produzieren will – die Strandhopselieder wirken wie ne Gehirnwäsche! Mit fatalen Folgen: selbst „ich bin um die 40 und nein, ich werde verdammt nochmal keinen Spaß haben“ musste das einsehen und hat sich dem Rest des Publikums in Sachen Stimmung und Ausgelassenheit endlich mal angeschlossen. Seine Begeisterung darüber hat ihr Begleiter gleich mit Bier Nummer vier begossen. Kleine Anmerkung der Redaktion: aus der Originaltruppe sind nur noch Mike Love und Bruce Johnston dabei. Brian Wilson (das Genie) lebt halt das Leben des Brian und tourt mit Alan Jardine, einem weiteren Original, unter eigenem Namen. Dennis und Carl Wilson sind schon vor Jahren für immer von der Bühne gegangen (Bühne des Lebens wär jetzt selbst für mich zu platt formuliert). Klingt auch irgendwie zu sehr nach Harald Juhnke. Gelegentlich finden sich zu Jubiläen oder Tourneen für neue Compilations wieder alle zusammen – ganz so, wie sich das für gealterte Überbands (siehe Absatz 1) eben gehört. Gerade bin ich in dieser Hinsicht so friedlich gestimmt – nicht, dass ich mir noch Tickets für die nächste Stones-Tour besorge …

Surfer-Ossis im Geiste

Die Unterhaltung ging übrigens weit über den musikalischen Part (und das Gedankenlästern über andere Besucher) hinaus. Son richtig fesches Bühnenbild, das jedes WordArt-Kunstwerk alt aussehen lässt. Mit den Bild- und Videoprojektionen, die manchmal in fancy Effekten daher kamen, hätte man bequem die Beamerdiashows der klassischen Kleinstadtparty ausstechen können. Und wenn gar nichts mehr geht: einfach 9 x das Bandlogo an die Wand werfen. Hat Andy Warhol ja im Prinzip genauso gemacht. Sind halt die Beach Boys, die müssen sich bei solchen Belanglosigkeiten nicht mehr groß reinhängen. Legenden und so, haben ja neulich auch nicht ganz umsonst die Goldene Kamera für ihr Lebenswerk bekommen. Aber ein bisschen Budenzauber geht immer: Wenn Mike und Bruce mal kurz synchron über die Bühne tanzen is das einfach cool. Bruce Johnston übrigens nicht nur am Keyboard unterwegs, sondern durchweg auch als Publikumsanheizer. Immerhin eine eingesparte Planstelle. Kanner aber! Und überlässt Mike Love, schon immer sowas wie der Sugar Daddy der Band, die Hauptrolle. Meine bescheidene Youtube-Live-Karriere in Sachen Beach Boys hat mir geflüstert, dass seine stoisch ruhigen Bewegungen auch einfach ein Teil der Show sind. Und auch den einen oder anderen Spruch hab ich schonmal gehört. Trick 17: der Beamer haut zwischendurch ne Leipzig-Postkarte raus – das is mal Wertschätzung der Fans. Vor jeder neuen Stadt muss einer dran denken, Folie 324 von 775 zu aktualisieren. Ganz im Ernst. Gab ja schon Leute und Madonna, die haben nichtmal ansatzweise die Stadt gewusst, auf deren Bühne sie sich da grad selbst inszenieren. Gut gemacht, Beach Boys – aber das hat euch ja der Applaus schon verklickert. Jetzt sind se welche von uns, Surfer-Ossis im Geiste. Apropos Surfer. Zu Surfer Girl hat Animateur Bruce direkt mal aufgefordert, die Handylampen zu schwenken. Sie sind in ihren 70ern und im digitalen Zeitalter angekommen. Derweil brechen ein Jeanswesten-Fan und sein Kumpel nochmal tapfer ne Lanze fürs gute alte Feuerzeug. Mit Handy isses ja schon ganz schön unromantisch, aber nach zwei Prosecco und zwei Glas Wein seit nachmittags bin ich natürlich sofort dabei. Und auch Little Rockabilly Riding Hood fackelt nicht lang und zieht mit. Sie ist eine von den Guten. Nach dem ziemlich kultgewordenen und gleichermaßen traurig-schönen „God only knows“ spricht Mike Love über George Harrison, mit dem er vor Urzeiten mal Best Buddies war. Gibt dann prompt noch nen (echt hübschen) Tribute-Song für seinen Kumpel, zu dem passend die Diashow mich mit Harrison-Bildern versorgt. Bitte? Jawohl! Mike Love, jetzt verstehen wir uns erst recht! Is doch George H. sowas wie mein Beatles-Messias …

Auch wenn ich mir meine Spitzen nicht verkneifen kann – das war einfach durch und durch ein großartiges Konzert! Oder um nochmal ne Beach Boys-Plattitüde rauszuhauen: Fun, Fun, Fun. Und all die Good Vibrations ringsrum. Tja ja, und vorher alle so: „Die gibts noch? Sind die nich schon tot?!“. BÄM! Nein, sie sind nicht tot (jedenfalls nicht alle)!

P.S.: Nach nicht mal 15 Minuten hab ich mit „Do it again“ schon „meinen“ Beach Boys-Song bekommen. Bob Dylan war da ja weniger aufmerksam.

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