Anna und die Schwierigkeit des leichten Seins

Mit 10 Jahren habe ich einen ganzen Sommer im Garten auf dem Hundeplatz verbracht. Die geliebte Grundschule gegen das Haifischbecken Gymnasium getauscht. Das erste Mal Geld zum Geburtstag geschenkt bekommen. Die Beatles, aber auch die Backstreet Boys entdeckt und den Serengeti-Park in Hodenhagen besucht. Was ich gegessen hab, weiß ich nicht mehr. Aber ich hab gegessen. Anna ist 10 Jahre alt und liebt Schoko-Joghurt-Erdbeereis – weil „aller guten Dinge Drei sind“. Dann bekommt sie ein T-Shirt geschenkt, das ihr nicht passt. Nun beschließt Anna, dass aller guten Dinge doch eher dünn sind. Sie isst erst weniger und dann fast gar nichts mehr. Leicht sein ist schwer.

Ein Kinderbuch über Essstörungen – schwere Kost leicht(er) gemacht

anna_federleichtAnna ist nicht echt. Sie ist die Titelheldin eines Kinderbuchs von Elisa Gad, von dem ich schon seit Mitte April erzählen wollte. Elisa hab ich bei der Landpartie letztes Jahr kennengelernt. Zu dieser Zeit war ihre Idee zum Buch schon fast genauso alt, wie dessen Hauptfigur. Sie ist immer mal wieder gewachsen, in den Winterschlaf gefallen, neu belebt worden. Und auch wenn diese Anna Elisas Gedanken entsprungen ist, steckt unsere schlanke Welt ja bekanntermaßen voller echter Annas, die an Esstörungen leiden. Harter Tobak für ein Kinderbuch. Aber eben allgegenwärtig: „Es fragt sich doch jeder mal, ob er zu dünn oder zu dick ist.“ Elisa hat Recht. Frage ich mich permanent. Da andere Bücher dazu ihr manchmal eher wie Gebrauchsanweisungen zur Krankheit vorkommen, wollte sie das Tabu präventiv beim Schopfe packen.

Buden- und Bühnenzauber im Bücherfrühling

Anfang April. In Quedlinburg ist Bücherfrühling. Meteorologisch, nun ja, Bücherschmuddelherbst. Zur Premiere von „Anna Federleicht“, einer szenischen Lesung, quetschen sich 70 Leute ins Quartier7. Dass direkt zur Jagd auf die letzten freien Stühle angesetzt wird, spricht ja schonmal für den bevorstehenden Buden- und Bühnenzauber. Apropos. Die Bühne ist winzig und im positivsten Sinne vollgestopft mit lauter bunten Kleinigkeiten, die allesamt in einen großen Koffer passen. Engagierte Lehrer und Erzieher können jetzt hellhörig werden: Im Bedarfsfall ist der nämlich schnell ein- und z.B. in einer Schule wieder ausgepackt. Weil wenig Platz zu zweit noch gemütlicher ist, hat Elisa sich die Schauspielerin Liesa Liebler ins Boot geholt.

Verträumt und verzweifelt

Vom ersten Kapitel „Zuckersüße Wintertage“ an, stapft Anna alias Elisa in ihrer Pünktchenstrumpfhose lächelnd durch ihre Welt (und ihr schiefes Haus in der Mühlenstraße 3). Sie träumt und zweifelt. Wie das bei Menschen eben so ist – auch bei Mini-Menschen, die erst 10 Jahre alt sind. Mit dem T-Shirt-Geschenk, das etwas zu knapp ausfällt und ausgerechnet von ihrer besten Freundin Mila kommt, kriegen die Zweifel Übergewicht. Mila kann weder mitträumen noch die Zweifel vertreiben – sie ist mit ihren Etern nach Tokyo gezogen und Fernfreundschaften stehen ja nicht gerade für unbegrenzte Möglichkeiten. Trotz oder wegen dieses leidigen, elternverschuldeten Umstandes ist „Anna Federleicht“ auch eine kleine Liebeserklärung an Freundschaften. „Stand by me“ zählt zu meinen ewigen Lieblingsfilmen – da darf das schonmal bejubelt werden.

Anna, Hamster, Schneefrau, Hase

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Foto: Sybille Kaschub

Nachdem Anna sich durch den Frühling hungert und im Sommer auf Eiswürfel statt Eiswaffeln setzt – die Zeichen stehen auf Magersucht -, fällt sie im Herbst in ein tiefes, schwarzes Loch. Wortwörtlich. Sie fällt in den Bau von Hamster Karlsson. Karlsson, das ist Lisa – herausgeputzt mit Plüschoverall und Lispelstimme. Der Nager ist ein bisschen überdreht, herzlich und auch ein bisschen draller um die Wangen. So wird er nicht nur zu Annas ungefragtem und ehrenamtlichen Psychiater, sondern auch zum Liebling der Kinder im Publikum. Sie waren nur eine Handvoll, aber ihr Lachpegel hat das ziemlich deutlich gemacht. Als unterirdische WG hamstern Anna und Karlsson sich durch den Winter – mal optimistisch, mal tief betrübt. Ich kann nicht anders, als an Frau Holle oder Alice im Wunderland zu denken. Hamster, Schneefrau, Hase – ein Back, ein Eierkuchen! Anna, Goldmarie, Alice lernt Selbstvertrauen und Kochen. Deftige Mahlzeiten und Hamsterweisheiten gibt es obendrauf.

Wer weiß, ob Federn wirklich fliegen oder nur fallen?

Mental und körperlich gestärkt wird „Fräulein Federleicht“, wie Karlsson Holle sie stets nennt, im Frühjahr vor den Bau gesetzt. Als Hamster hat man um die Zeit schließlich Vorräte zu sammeln. Den Weg aus dem Erdloch hat Anna gemeistert. Bleibt nur noch die Frage, ob sie auch den zurück in ein gesundes Leben findet …

Nostalgischer Medienmix

In den ganzen Jahren, die Elisa an Anna und ihrer Geschichte geschraubt hat, ist das Werk ein bisschen zum Gemeinschaftsprojekt geworden. Gespräche mit einer Kinderpsychologin haben die Story rundgeschliffen, Künstler Peter Kaden hat bei der grafischen Umsetzung geholfen, Theaterregisseurin Rosi Vogtenhuber bei der Inszenierung. Die Illustrationen stammen allesamt von Elisa und werden durch einen Medienmix ergänzt – sehr bunt, ein bisschen oldschool, ziemlich gelungen. Da wurde auch mal das eine oder andere Stück Stoff durch den Scanner gezogen.

Gemalte Autogramme

Bei der Signierstunde macht sich bezahlt, dass Elisa Hobbykünstlerin ist: Neben der Widmung landet auch eine Aquarellzeichnung in meinem Exemplar der limitierten Erstausgabe. Gemalte Autogramme – das gefällt mir. Widmungen und Signaturen fetzen ja nicht zuletzt deshalb, weil sie klar machen, ab wann ein Buch weg von der anonymen Auflage irgendwo ein „neues Leben“ beginnt. 74 Seiten für knapp 30 Euro wohnen jetzt bei mir. Es dürfte das teuerste Buch meiner bisherigen Lesekarriere sein und es ist sein Geld zweifelsohne wert. Ich habe Elisa lieber nicht gefragt, wie viele Stunden für Annas Entstehung draufgegangen sind. Wer schonmal geschrieben oder gemalt hat, hat eine ungefähre Ahnung davon, wie lange man sich manchmal mit nur einem Satz oder Motiv aufhalten kann. Die ersten Exemplare sind komplett in Eigenregie finanziert, für einen Folgedruck steht Crowdfunding im Raum. Mal sehen, wie es an dieser Stelle weitergeht …

Wo gibt’s das (noch)?

  • Buchhandlung und Antiquariat Gebecke, Quedlinburg
  • Büchercouch, Quedlinburg

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